Nach der Grundschule wechselte ich 2000 auf ein Gymnasium, auf das Gutenberggymnasium in Erfurt. Die Schule war großartig, die Lehrer waren nicht einfach nur Lehrer, sie waren auch etwas wie Freunde. Das Schulgebäude so schlicht und trotzdem schön. Für mich war diese Schule etwas ganz besonderes. Ich habe so viel Schlimmes erlebt und die Schule war für mich immer wie ein Zufluchtsort. Ich habe mich dort richtig wohl gefühlt trotz Mobbing, aber da war das Gefühl von Geborgenheit durch die Lehrer. Sie nahmen sich selbst nach schulschluss Zeit für einen wenn man Probleme hatte, sie schauten nicht einfach nur weg. Am 26.04.2002 wurde dies alles kaputt gemacht. Am Morgen hatte ich wieder einen handgreiflichen Konflikt mit meiner Mutter, ganz ohne Grund. Deshalb war ich richtig froh, als ich endlich zur Schule konnte. Die erste Stunde hatte ich Kunst. Ich mochte das Fach nicht, aber die Lehrerin war toll. Sie war immer ganz schwarz gekleidet, schwarze Fingernägel, schwarze Haare aber mit einen riesen großen Herz. Immer wenn ich in den Kunstraum kam, hat sie mich begrüßt und gefragt wie es mir geht. Da war jemand den es interessierte wie ich mich fühle. Die Stunde ging recht schnell vorbei. Danach hatte ich Deutsch. Ich bekam nicht viel mit, denn mit den Gedanken war ich zu Hause. Ich konnte es immer noch nicht fassen, was heute morgen wieder passiert ist. Die dritte Stunde hatte ich dann Mathe, worauf ich mich freute. Gegen Ende der Stunde gab es sehr laute Geräusche, einen Knall. Wir dachten alle es wäre ein Abiturstreich und somit machten wir uns keine weiteren Gedanken. Nach Unterrichtsschluss musste ich noch da bleiben. Die Lehrerin wollte mit mir reden, sie merkte sofort das etwas nicht stimmte. Ich blockte ab und sagte es wäre nichts. Ich wollte nicht darüber sprechen, ich hatte Angstdie Wahrheit zu sagen.Durch dieses Gespräch verpasste ich meine Klasse und beim Raumwechsel ging ich ins Dachgeschoss, denn da hätte ich normalerweise Unterricht. Allerdings fanden dort die Prüfungen statt und ich wusste nicht wohin ich gehen sollte. Und da war es wieder, ein Knall und noch einer und noch einer und überhaupt ganz viele. Ich ging runter und da ging der Horror für mich los. Ich sah wie ein schwarz angezogener Mann mit Sturmmaske eine Lehrerin erschoss. Ich war mir nicht sicher ob das alles ein Scherz ist oder der Ernst. Als die Lehrerin blutend am Boden lag war alles klar. Ich war wie erstarrt, ich konnte mich nicht bewegen. Ich stand auf der Treppe und der Mann kam mir immer näher. Ich wollte wegrennen, aber ich hatte jegliche Kontrolle über meinen Körper verloren, ich hatte kein Gefühl mehr in den Gliedern. Ich merkte das nun 2 andere Schüler hinter mir auftauchten. Der schwarze Mann stand nun nicht weit von mir entfernt, er hob seine Waffe, hat sie geladen und auf mich gezielt. In dem Moment war mir klar, dass ich hier nicht lebend raus komme. Doch dann zogen mich die Schüler mit die Treppe hoch. Ich hörte und spürte wie ein Schuss an mir vorbei durch das Fenster ging. Nun hatte ich auch wieder Gefühle und rannte um mein Leben. Der schwarze Mann verfolgte uns bis in die dritte Etage und ließ dann von uns ab. Panik, Todesangst, Verzweiflung, Ohnmacht. Wir rannten weiter ins Dachgeschoss und stürmten in einen Raum wo Prüfungen geschrieben worden. Die Lehrer waren dermaßen wütend und haben uns rausgeschmissen, sie haben uns nicht mal zu Wort kommen lassen. Nun standen wir vor der Tür, alles zitterte, ich weinte. Ich wollte nicht mit 12 Jahren sterben, nicht so. Die 2 Schüler die übrigens schon 17 waren, ließen mich dort allein stehen. Vor lauter Angst
stürmte ich wieder in den Prüfungsraum, aber ich bekam kein Wort raus. Ich zitterte am ganzen Körper und sackte irgendwann in mich zusammen. In dem Moment sahen Lehrer aus dem Fenster, überall war Polizei. Dann trafen die ersten Nachrichten ein, die ersten Telefonate wurden geführt. Nun wusste jeder was in der Schule abgeht und so durfte ich im Raum bleiben. Einige der Jungs verrammelten die Tür mit Schränken. Ich saß total verstört in einer Ecke und eine Lehrerin kümmerte sich um mich. Ständig kamen neue Nachrichten über die Anzahl der Toten. 5 1/2 Stunden versteckten wir uns in dem Raum. Ich hatte abgeschlossen, hier kommen wir nicht mehr lebend raus, er wird uns finden und diesmal wird die Kugel nicht an mir vorbei gehen. Nach den 5 1/2 Stunden pochte es dermaßen an der Tür und alle zuckten, nun hat er uns gefunden, aber dann hörten wir "Hier ist die Polizei, wie viele sind in dem Raum? Gibt es Verletzte? Bleiben Sie ganz ruhig, wir holen Sie da raus." Erleichterung machte sich breit, die Tränen floßen in Massen. Nach einer weiteren halben Stunde war es dann soweit, die Polizei holte uns aus dem Raum. Panik, denn die Polizisten waren schwer bewaffnet und das machte mir erneut Angst
. Sie führten uns durchs Haus in die 1. Etage. Auf dem Weg in den anderen Raum sah ich 5 weitere tote Lehrer, das riss mir den Boden weg. Nun musste ich weiter 1 1/2 Stunden in den Raum warten bevor die Polizisten jeden rausbrachten. Ich war an dritter Stelle dran, wir wurden zur Turnhalle gebracht, auf diesem Weg sah ich nochmal 2 tote Menschen. In der Turnhalle wurden wir erstversorgt. Dort traf ich auch die 2 Schüler wieder, die mir das Leben gerettet haben. Ich wurde in den Krankenwagen gebracht und dann auf den nahegelegenden Sportplatz gebracht. Dort wurden meine Eltern gesucht, die aber nicht da waren. Niemand war da, also wurden sie telefonisch informiert, dass ich ins Krankenhaus gebracht werde. In der Klinik nach einer Stunde kam dann mein Vater, anstatt mich in den Arm zu nehmen, fragte er mich aus. Es war wohl ein Kick für ihn. Ich durfte am selben Abend wieder mit nach Hause. Dort saß meine ganze Familie mit Alkohol
vor dem Fernseher und schauten Nachrichten. Ekelhaft sowas, ich verzog mich aufs Zimmer und wollte niemanden sehen und erst recht nicht reden. Die nächsten Tage waren furchtbar. Ich wurde allein gelassen mit all dem. Für meine Familie war es so, als wäre nichts passiert und ich, ich stand noch unter Schock und da kam mir auch zum erstem Mal der Gedanke, "Hätte die Kugel mich doch getroffen, dann hätte ich es hinter mir". Ich verließ das Haus nicht mehr, erst zur Trauerfeier wieder. Ich habe nie wirklich getrauert. Eigentlich wollte ich zur Beerdigung meiner Kunstlehrerin, aber ich war nicht in der Lage dazu. Ich habe dieses Ereignis bis heute nicht verarbeiten können. Ich war 3 mal in einer Traumaklinik um dieses Thema zu verarbeiten, mit wenig Erfolg. Es hätte damals etwas passieren müssen, aber da wurde ich allein gelassen, ich war 12 und musste mit sowas ganz allein umgehen lernen.






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