Cannabisabhängige Schwester, Entzug und Therapie erfolgt, was nun?

  • Hallo,
    ich weiß langsam einfach nicht mehr weiter. Die letzten zweieinhalb Jahre waren, wenn man es genau nimmt, der blanke Horror.
    Ich denke ich werde einfach mal weit ausholen und am Anfang beginnnen.


    Wie ihr aus der Überschrift entnehmen könnt geht es um meine Schwester. Meine Schwester, die seit ihrem ich denke mal 15 oder 16 Lebensjahr Cannabis konsumiert. Zu Beginn war es ein Fluchtweg für sie aus unserer verkorksten Familiensituation. Scheidung der Eltern, Wohnortwechsel während ihres 12 Lebensjahres, von heut auf morgen aus dem gewohnten Umfeld, keine therapeutische Hilfe danach. Für sie war es immer schwerer als für meine andere Schwester und mich, da sie irgendwie schon immer das schwarze Schaf unserer Familie war. Ein falscher Freundeskreis und Ignoranz gegenüber Regeln haben die Katastrophe dann komplett gemacht.


    Stark abhängig ist sie er seit sie mit 18 mit ihrem damaligen, ebenfalls starkabhängigen Freund zusammengezogen ist. In dieser Beziehung herrschte Cannabis und die seelische Unterdrückung meiner Schwester durch ihren Freund. Psychischer Druck, wie intensives Mobbing, Gewaltandrohungen und Drogen zerstörten meine Schwester so stark, dass sie kurz davor war sich das Leben zu nehmen. Irgendwann schaffte sie den Absprung von ihm und flüchtete in eine entfernte Großstadt. Dort lebte sie dann ebenfalls wieder mit einem Partner zusammen, der ebenfalls Cannabisabhängig war, doch ihr psychisches Gleichgewicht pendelte sich langsam wieder ein. Irgendwann war diese Beziehung vorbei. Dann wurde sie ungewollt schwanger und entschied sich für das Kind. Leider konsumierte sie auch in der Schwangerschaft weiter Cannabis, wenn auch wesentlich weniger. Sie zog wieder in ihr familiäres Umfeld und schließliche zog ich bei ihr ein, um sie in der ersten Zeit zu unterstützen. Zu dieser Zeit war mir selber und ihr denke ich auch mal, gar nicht wirklich bewusst, dass sie suchtkrank ist. Es war für mich halt einfach normal, dass meine Schwester ihren Joint raucht, da ich es nicht anders kannte.
    Nach einem viertel Jahr zog ich in eine eigene Wohnung und irgendwann wurde die Wohnung neben ihr frei in die ich dann zog. Meinen Neffen zogen wir ab dann also schon gemeinsam auf. Ich bin sowas wie eine Ersatzmutter, auch wenn ich das so eigentlich nie wollte.
    Mitlerweile weiß ich, dass ich schon damals Co-Abhängig war, sonst hätte ich diesen Schritt niemals gemacht. Wegen meinem Neffen bin ich froh über diese Entscheidung, doch im letzten Jahr eskalierte dann doch alles. Nicht nur, dass sie so stark konsumierte wie noch nie zuvor, sondern auch, dass ich durch die ganze Stresssituation, die eine Sucht heraufbeschwört, selber körperliche wie auch psychische Probleme bekommen habe.
    Es ging los mit Akne und Haarausfall und endete damit, dass ich unausgeglichen, leicht reizbar und zeitweise auch gewaltätig wurde. Alles Eigenschaften, die nicht zu mir gehören. Normalerweise bin ich nämlich das genaue Gegenteile. Es ist einfach so, dass ich das Verhalten meiner Schwester reflektiert habe und es auch immer noch tue.
    Dann ging es letztes Jahr im August endlich los mit ihrer Therapie, erst für drei Wochen in die Entgiftung und danach für 14 Wochen in eine Langzeitherapie. In diesen viereinhalb Monaten bin ich wieder aufgeblüht. Der Stress war weg und ich konnte endlich wieder mein Leben leben. Der Haarausfall ließ nach, die Akne ging zurück und ich wurde wieder ausgeglichen und ruhig. Vor zwei Monaten dann kamen meine Schwester und mein Neffe wieder nach Hause und dazu kam, dass meine Schwester sich in der Therapie verliebt hatte und nun einen Partner hat. Erst war ich begeistert, da ich der Meinung war, dass die beiden sich gegenseitig gut unterstützen können. Denn sie wussten genau wie der andere sich fühlte, während jemand wie ich an einem bestimmten Punkt einfach kein Verständnis mehr für Dinge und Handlungen über hat. Er zog dann auch quasi gleich bei uns ein, da es mit seiner Adaption nicht geklappt hatte. Mittlerweile sehe ich das ganze etwas anders.
    Vor zweieinhalb Wochen gingen die beiden nochmals in eine Entgiftung, da sie einen Rückfall mit Alkohol hatten. Gut habe ich gedacht, kann mal passieren und danach werden sie ja hoffentlich schlauer werden. Die Entgiftung wurde vorzeitig abgebrochen, da der Freund meiner Schwester von den Ärzten dort aufs Unmöglichste behandelt wurde.
    Wie gesagt ich dachte eigentlich, dass sie aus ihrem Fehler lernen werden, aber nun ja, ich bin eben nicht suchtkrank und denke halt anders und wie gesagt bin ich auch nicht süchtig, deswegen kann man die Gedankengänge auch einfach nicht verstehen.
    Gestern haben sie wieder Bier getrunken und dazu noch gelogen. Das Lügen war eigentlich das schlimmste daran, denn sie weiß, dass sie mir vertrauen kann und das ich nicht mit Vorwürfen und Drohungen um die Ecke komme. Trotzdem hat sie mich belogen und das sitzt tief, denn ich dachte eigentlich, dass wir über diesen Punkt hinaus sind. Ich habe mittlerweile Bedenken, dass sie sich weniger helfen aus der Sucht herauszukommen, sondern sich vielmehr gegenseitig in der Sucht halten.


    Nun sitze ich seit gestern hier und weiß einfach nicht mehr weiter. Ich habe mir bereits eine Suchtberatungsstelle rausgesucht, um mich beraten zu lassen was ich tun kann und vorallem wie ich aus dieser Co-Abhängigkeit herauskomme.
    Ich will sie nicht im Stich lassen, doch ich möchte auch nicht mehr, dass sie mein Leben durch ihre Sucht bestimmt. Ich möchte mich nicht mehr für sie verantwortlich fühlen und ich möchte auch mich nicht mehr vernachlässigen, wegen ihr und meinem Neffen.
    Mein Neffe ist wohl mein größter Schwachpunkt. Ich weiß, wenn ich wirklich ehrlich zu mir bin, dass er der Hauptgrund ist weswegen ich überhaupt noch hier bin. Ich habe große Angst, dass er ihr weggenommen wird, sollten da die falschen Leute von Wind bekommen und gleichzeitig denke ich mir, dass es vielleicht auch gar nicht verkehrt wäre, wenn er in einem stabilen Umfeld aufwächst und sie wieder ganz in Ruhe gesund werden kann, ohne den Druck zu haben, jeden Tag funktionieren zu müssen. Aber ich will natürlich auch nicht, dass er in eine Pflegefamilie kommt oder so. Nein eigentlich möchte ich, dass meine Schwester einfach wieder gesund ist und er seine Mutter so haben kann wie er es verdient hat. Ich habe Angst, dass er eine so große psychische Störung entwickelt, dass er es später im Leben selber genauso schwer oder noch schwerer haben könnte als es meine Schwester schon hatte.
    Ich weiß einfach nicht mehr weiter und könnte den ganzen Tag nur weinen, weil ich das so nicht mehr will. Ich habe so unglaubliche Angst vor dem was noch kommt und auch angst davor, dass ich irgendwann anfange meine eigene Schwester zu hassen. Dafür, dass sie mir Monate und Jahre meines Lebens nimmt, weil ich durch ihre Sucht Co-Abhängig geworden bin. Ich will ihr gar keine Vorwürfe machen, doch mittlerweile kann ich es kaum noch an mich halten. Ich würde so gerne einfach mal alles rausschreien was mich bewegt und beschäftigt, doch kann ich das nicht machen, weil ich Co-Abhängig bin und ich weiß was das bei ihr anrichten würde.
    Ich weiß wirklich nicht mehr weiter und bin mit meinen Kräften am Ende.
    Tut mir Leid, dass das jetzt so ein Roman geworden ist und dazu auch noch total durcheinander, aber das musste einfach mal raus.


    Liebe Grüße
    Pinchen

  • Hey,
    gebe dir in allen Punkten recht, hast das ziemlich reflektiert aufgeschrieben. Trenn dich von der Sache und zieh dein eigenes Leben auf kann ich dir nur raten. Du hast deiner Schwester quasi einen doppelten Boden bereitet, sie muss sich nicht sorgen, schließlich bist du ja immer da, sprich: Sie wird sich ändern (wieso auch) und du leidest darunter.


    Gruß

    "Natürlich würde ich lieber bei Mike Leckebusch im Beat-Club auftreten, aber leider ist der Mann einstweilig tot."

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  • Hey vielen Dank für deine Antwort.
    Ja das davon lösen ist halt mein größtes Problem. Ich bin mittlerweile so stark Co-Abhängig, dass ich wirklich Angst habe, dass ich es einfach nicht schaffe mich zu lösen.
    Seit gestern ist mir auch bewusst, dass ich langsam in die sogenannte Aggressionsphase drifte. Ich fange echt an Abscheu zu entwickeln, vor der ganzen Sucht und allem was dazu gehört. Das schockt mich wirklich extrem.

  • Denke das Problem ist weniger der Konsum sondern das drum herum. Der Konsum lenkt dann einfach nur noch ab von dem eigentlichem Problem. Habe nie was genommen wenn es mir nicht gut ging oder Probleme hatte.Da braucht man einfach einen klaren Kopf um Lösung zu finden und diese dann anzugehen. Da sind drogen überhaubt keine Lösung sie machen es nur noch viel schlimmer ...


    Aber kann mich da nur anschließen wenn deine Hilfe anfängt dich dort rein zu ziehen oder besser gesagt es schon getan hat must du erst mal selbst schauen das du wieder daraus kommst. Den nur dann kannst du deiner Schwester auch Helfen wenn Sie die Hilfe möchte und dann braucht Sie dich auch. Lasse Sie nicht ganz fallen denke das ist überhaubt nicht gut für Sie und auch nicht für dich. Der Weg zu Drogenberatung ist auch ein sehr guter Anfang an diesem Punkt ist aber deine Schwester glaube ich noch nicht, Sie muss sich auch helfen lassen wollen sonst bringt das alles nichts.