Frauen ansprechen – Mischung aus Zwang und Sex- und Spielsucht?

  • Hallo ihr Lieben,

    zunächst drücke ich meine WERTSCHÄTZUNG aus für die vielen Menschen und deren Schicksale hier in diesem Forum. Ich wünsche nur das Beste!

    Ich poste hier, weil meine Verhaltensstörung, so jedenfalls mein Therapeut, einer Glücksspielsucht ähnelt und ich deshalb Hilfe und Input suche. Ich bin männlich, Anfang 40, lebe in Hamburg und habe eigentlich einen normalen Freundeskreis und einen guten Job.

    Ich bin süchtig danach, fremde Frauen anzusprechen und sie nach ihren Kontaktdaten zu fragen.

    Der Druck nimmt erst ab, wenn ich es getan und eine entsprechende Antwort bekommen habe. Am liebsten ein nettes, aber bestimmtes Nein danke, aber natürlich ist auch hin und wieder eine Telefonnummer nett. Darum geht es mir aber nicht primär; ich bin auch nicht sexsüchtig, auch wenn ich nicht verhehlen kann, dass das natürlich auch irgendwo eine Rolle spielt. Es geht mir einzig um den Moment des Ansprechens und Kontaktdaten-Erfragens, weil ich das als Selbstwert-Spritze gebrauche.

    Klingt wild und nach einer Menge Spaß? Klar, diese Verhaltenssucht hat mir in den vergangenen Jahren viele Abenteuer beschert. Ich habe weit über fünfzehntausend (!) Frauen angesprochen.

    Dahinter stecken aber Themen:

    – emotionale Vernachlässigung in der Kindheit
    – daraus entwickelnd: Bindungsstörung/Angst vor Bindung. Ich habe den Glaubenssatz: "Männer in Beziehungen sind Versager. Nur Aufreißer/Macker wie ich, die schöne Frauen knacken, machen was aus ihrem Leben"
    – äußerst geringes Selbstwertgefühl. Ich befinde mich ständig in Fantasien und Projektionen, in denen schöne Frauen eine Rolle spielen. Ich glaube, dass die perfekte Frau, einmal verführt, mein Ankommen bestätigt und dann hätte ich Ruhe und könnte happy sein.
    – tiefe Unsicherheit gegenüber der Welt und engeren Beziehungen

    Überkompensation: Ich bin ins andere Extrem gegangen und begann, Frauen anzusprechen, im Alltag, in Bars und überall sonst und die Welt zu meinem Jagdgebiet zu machen.

    Ich spüre eine Art Zwang oder Suchtdruck überall dort, wo ich eine Frau sehe, die ich als attraktiv einstufe und die potenziell verfügbar ist, in dem Sinne, dass ich sie ansprechen könnte. In der Rückschau auf mein Leben merke ich, dass ich viele Dinge getan habe, damit ich dieser Sucht gut nachgehen kann (verschiedene Hobbys ergriffen, Frisuren so gemacht, dass ich besonders attraktiv aussah und so weiter)

    Damit aber nicht genug:

    Auf diese Sucht hat sich eine kleine Zwangsstörung (jedenfalls empfinde ich es so) gesetzt, weil ich eine Reue empfinde, wenn ich eine Frau, die verfügbar (also: ansprechbar) gewesen wäre, NICHT anspreche; wenn sie zum Beispiel irgendwo arbeitet und ich sie theoretisch jederzeit ansprechen könnte. Noch heikler ist es, wenn ich weiß, dass ich den Ort so schnell nicht mehr wiedersehen werde und die Gelegenheit damit fort ist. Dann setzt eine tief empfundene Reue ein, die ich kaum aushalten kann. Erst nach einigen Stunden oder Tagen geht es wieder.

    – Entspannung erfahre ich nur dann, wenn ich es hinter mich bringe und die Frau anspreche oder wenn die Frau objektiv nicht mehr verfügbar ist (zum Beispiel: das Café schließt um 18 Uhr. Bis 18 Uhr bin ich angespannt, ab 18:10 Uhr bin ich nicht mehr angespannt und kann den Gedanken langsam loslassen, bis es am nächsten Tag erneut losgeht).

    – Es ist lebensqualitätseinschränkend, weil sich das Ganze zu einer Art Zwangsstörung entwickelt hat und ich tiefe Reue empfinde, wenn ich dem Druck nicht nachgebe und die Frau NICHT anspreche, was insbesondere wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin oder mit Freunden sehr unangenehm ist und mich schon in allerlei schreckliche Situationen gebracht hat (Beispiel: Ich war mit Frau daheim, eine attraktive Pizzabotin liefert Pizza, ich lüge meine Frau an, ich müsse noch schnell was aus unserem eigenen Auto holen, nur um der Pizzabotin heimlich hinterherzustürmen und sie doch noch nach ihrer Nummer fragen zu können.)

    – Dadurch stecke in der Vermeidung und betrete Orte äußerst ungern, an denen fremde Frauen sein können, weil ich Angst habe, dass der Mechanismus losgetreten wird (darunter: Tankstellen, Bars, Clubs, Supermärkte, Cafés). Nur in meiner unmittelbaren Umgebung betrete ich all diese Dinge, weil ich die dort angestellten Frauen mittlerweile kenne und einigermaßen einschätzen kann. Sie verlieren dann irgendwann auch ihren Reiz.

    – Meine Frau trägt das Ganze mit. Sie weiß um meine Vergangenheit und ist extrem tolerant, aber natürlich hat auch sie ihre Grenzen und glaubt, ich würde ständig nach einem Ersatz für sie suchen. Dass mein Gehirn mir einen Streich spielt, versteht sie kognitiv, aber es ist natürlich trotzdem schwer für sie.

    MEINE FRAGEN:

    1.) Sucht oder Zwangsstörung? Mein Therapeut sagte bisher immer: Sucht, ähnlich wie Glücksspiel. Und ja, die Parallelen sind da: Wenn ich anspreche, kicken die Hormone und ich kann, theoretisch, total belohnt werden, oder eben auch verlieren. Ich spüre dann jedenfalls etwas, was ich sonst kaum tue. Deshalb geht der Weg meines Therapeuten auch darüber, dass ich erlernen darf, meinen Gefühlen zu trauen und ihnen Raum zu geben. Ich bin seit Mitte 2025 in einer Verhaltenstherapie.

    2.) Ist das, eurer Ansicht nach, tatsächlich vergleichbar mit einer Glücksspielsucht? Ich kenne mich zu wenig aus.

    3.) Was wäre mein Weg, davon loszukommen? Mir das stückweise abzutrainieren klingt zäh und langwierig. Was muss ich tun? Geht es um die Exposition? Sollte ich bestenfalls ständig mit schönen Frauen Kontakt kommen und mir angewöhnen, dass ich nicht nach ihren Kontaktdaten frage? Gibt es nicht eine Abkürzung?

    4.) Schöne Frauen faszinieren mich nun mal und die Fähigkeit, sie ansprechen und kennenlernen zu können, gibt mir einen Kick. Aber das sagt der Glücksspielsüchtige ja auch … Haltet ihr meine Situation für besonders krass? Denn: Schöne Frauen lauern ja quasi überall.

    Ich danke euch von Herzen, wenn ihr euch meinem Anliegen annehmt.

  • Hallo MarcoGiazone,

    ich bin fast etwas verwundert, dass du bislang gar keine Antworten auf deinen Beitrag bekommen hast.

    Erst einmal danke dafür, dass du das hier teilst und so offen darüber sprichst.

    Zu deinen Fragen. Für Suchterkrankungen gibt es grundsätzlich Kriterien, die bei allen Süchten (auch Verhaltenssüchten) anwendbar sind.

    Zitat

    Die sechs Diagnosekriterien von ICD 10 werden im ICD 11 zu drei Paaren zusammengeführt, von denen ein Kriterium pro Paar erfüllt sein muss, um das Paar als erfüllt anzusehen. Wenn zwei der drei Paare positiv sind, besteht eine Abhängigkeit:

    • Toleranzentwicklung und Entzugssymptome
    • Suchtverlangen (Craving) und Kontrollminderung / -verlust
    • Vernachlässigung von Verpflichtungen und Vergnügen zugunsten des Substanzkonsums und fortgesetzter Substanzkonsum trotz schädlicher Folgen

    (von https://www.medikamente-und-sucht.de/behandler-und-…agnosekriterien)

    Das lässt sich auf dein Verhalten übertragen und du kannst leicht selbst überprüfen, ob und wie viele Kriterien bei dir erfüllt sind.

    Grundsätzlich ist das aber durchaus vergleichbar, finde ich. Und es geht ja in beiden Fällen primär oft um die Dopaminausschüttung, die da stattfindet und die man gerne wieder und wieder haben möchte. Zwanghaftes und süchtiges Verhalten liegen oft sehr nah beieinander, daher aus meiner Sicht sehr schwierig (v.a. "aus der Ferne" eine Differenzialdiagnose zu machen).

    Aber ich frage mich auch, warum es dir so wichtig ist, zu wissen, welches Störungsbild du hast. Du bist ja bereits bei einem Therapeuten angebunden. Da wäre es doch sinnvoll, mit ihm genau an diesen Themen zu arbeiten. Verhaltenstherapie wäre da grundsätzlich mal mein erster Gedanke. Falls du aber das Gefühl hast, dein Verhalten hat auch viel mit deiner frühen Vergangenheit/Kindheit zu tun, könnte auch was analytisch-tiefenpsychologisches hilfreich sein.

    Ein schnellen Weg gibt es bei diesen Dingen in der Regel nicht. Es ist ein Prozess. Es gibt auch nicht ein Rezept oder eine Handlungsanweisung, die für jede:n funktioniert. Es gilt, Dinge auszuprobieren. Einen Plan zu machen. Du könntest dir z.B. vornehmen, pro Woche nicht mehr als so und so viele Frauen anzusprechen. Dokumentieren und überprüfen. Schauen, wo die Auslöser sind. Was könntest du stattdessen tun, um einen Kick zu bekommen?

    Das sind die Fragen die ich mir an deiner Stelle zunächst stellen würde.

    Und ja, Frauen kannst du natürlich nicht so leicht aus dem Weg gehen. Drogenabhängige können ja schon bestimmte Szeneplätze meiden. Das wird bei dir natürlich schwierig.

    Ich finde aber, das Wichtigste ist doch zunächst mal, dass du erkannt hast, dass du etwas ändern möchtest. Jetzt gilt es, die nächsten Schritte zu gehen.

    Ich wünsche dir dafür alles Gute

    Viele Grüße

    Peter vom DigiStreet-Team der Drogenhilfe Schwaben

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!