Beiträge von Alice Dee

    Hallo, zusammen,


    hat hier vielleicht jemand Erfahrung mit dieser Thematik oder (noch besser) selber schon eine solche Begegnung gehabt? Näheres möchte ich erst mal nicht dazu schreiben, aber glaubt mir bitte, ich weiß, wovon ich rede. Es ist eine verdammt vertrackte Sache. Und nein, ich bin immer noch clean - immerhin ein Gutes, das diese Angelegenheit bewirkt hat...


    Gruß & Dank, Alice

    Alles ist ungewiss, das jeden immer erwartet,
    Das Erwachen aus einem wunderschönen Traum,
    Ist oft grausamer als ein böser Alb geartet,
    Der löst sich auf in Zeit und Raum.


    Banaler Staub wird aus strahlenden Blüten,
    Was in irrer Hoffnung einst gedieh,
    Lässt nun vergebliche Sehnsucht in mir wüten,
    Süßer Schmerz, Dich vergesse ich nie.


    (Alice Dee)

    Hi, Pearl,


    ich habe (mit Unterbrechungen) 33 Jahre gekifft und kann natürlich gut nachvollziehen, wie sich besonders die erste Zeit der Abstinenz anfühlt. Nach meiner Polytox-Entgiftung (vordergründig aber Alk) hielt ich mir das "Hintertürchen [lexicon='Cannabis'][/lexicon]" offen und fing nach acht Monaten der völligen Abstinenz wieder an. [lexicon='Kiffen'][/lexicon] schien mir harmlos zu sein, und das war es damals, vor fast 20 Jahren, auch noch, weil das Gras einfach noch nicht so stark wie später war.


    Wegen diverser Kreislaufkicks hörte ich nach anderthalb Jahren für ein knappes Jahr wieder damit auf - ohne nennenswerte Probleme. Sinnigerweise war das aber auch der Grund dafür, erneut damit anzufangen. Vier Jahre später legte ich MPU-bedingt (ich hatte 13 Jahre zuvor den Lappen abgeben müssen und machte ihn neu) wieder für einige Monate auf und fing danach wieder an. Doch dann wurde das Gras peu á peu stärker, und ich Trottel meinte:"Ja, toll, dann spare ich ja bares Geld, weil ich ja viiieeel weniger brauche!"


    Trugschluss, denn wie es bei uns Suchtis nun mal so ist, wollen wir den Kick. So kiffte ich mehr und mehr, bis ich vor sechs Jahren einen Kreislaufkick bekam, der sich gewaschen hatte. Während ich mit dem Fahrrad fuhr, kippte plötzlich das Bild weg und ich sah nichts mehr. Anlass genug, um meine erste stationäre "Entkifftung" zu starten (mit anschließender ambulanter Therapie). Mir war klar, dass es nun kein Hintertürchen mehr gab. Ich betrog mich selber, indem ich zwar vorgab, clean bleiben zu wollen, mir insgeheim aber sagte, dass ich irgendwann wieder rückfällig werden wollte.


    Den passenden Grund fand ich während eines stationären Aufenthaltes in einer Depressionstherapie. Ich war noch in einer Beziehung und verknallte mich in eine Mitpatientin. Und fing, weil ich echt dachte durchzudrehen, nach dreieinhalb Jahren Abstinenz wieder an. Meine langjährige Beziehung ging in die Brüche, und auch mit der Mitpatientin war Schluss, bevor es richtig begonnen hatte. Mit nunmehr 48 Jahren dachte ich mir, dass ich bis an mein Lebensende weiterkiffen würde. Ende letzten Jahres begab ich mich in die zweite stationäre Entkifftung, wusste aber, dass ich wieder rückfällig werden würde/wollte.


    Das tat ich dann auch. Vor fünf Wochen hörte ich erneut mit dem Gras auf, und das hatte mehrer Gründe: Mein Stammdealer hatte kein Gras mehr, mein Ausweichdealer war in der Entgiftung, und mir war es zu blöd, wie ein "Grasjunkie" fragwürdige neue Quellen aufzusuchen. Ich steuerte auf den finanziellen Ruin zu. Ich hatte eine neue Frau kennen gelernt, die meine Kifferei zwar tolerierte, aber auch nicht guthieß. Und last but not least war ich trotz des Kiffens praktisch immer gleichermaßen mies drauf, bekam überhaupt keinen Kick mehr. Die erste Woche war ziemlich übel, doch zum Glück konnte ich Freunden beim Renovieren helfen, was mich ablenkte.


    Abends trank ich diesen Schlaf- und Nerventee und las, bis mir die Augen zufielen. Nach einer Woche unternahm ich eine mehrtägige Radtour und verausgabte mich fast völlig. Nach zwei Wochen hatte ich so gut wie keinen Suchtdruck mehr und wunderte mich über mich selber. Während dieser Zeit las ich das Buch "Gespräche mit Gott", das mir wirklich zum ersten Mal in meinem Leben die Augen hinsichtlich meines wahren Ichs öffnete. Irgendwie stand ich plötzlich "über den Dingen", erkannte immer deutlicher, dass nicht nur mir sondern allen Menschen Fähigkeiten zur Verfügung stehen, die "Suchtkrücken" schlichtweg überflüssig machen.


    Inzwischen kommt es mir echt so vor, als sei ich bereits seit vielen Monaten, wenn nicht Jaaahren clean. Und denke ernsthaft darüber nach, auch das "normale" Rauchen dranzugeben. Ich kann es nicht präzise benennen, was da geschehen ist, doch das ist mir auch egal, denn es zählt lediglich, DASS etwas passiert ist. Versuche am besten, DEINEN eigenen Weg, unbeeinflusst von der Umwelt, den Menschen, die Dich umgeben, zu finden. Sieh Deine fortschreitende Abstinenz meinetwegen als "Jagd nach dem ewigen Highscore", bau Dir mit Deiner Intelligenz ein Argumentationsgebäude, versuch's mit Affirmation, zieh alle Register und GLAUB AN DICH!!!


    Ich wünsch' Dir viel Glück und viel Kraft!


    Gruß, Alice/Paule

    Dir geht es ja ungefähr wie mir, nur dass mein "Drumherum-Chaos" anders gestaltet ist. Ich habe nach dreieinhalb cleanen Jahren während eines Psychiatrie-Aufenthaltes wieder angefangen, als die Trennung von meiner Partnerin bevorstand und ich mich zeitgleich in eine Mitpatientin verknallt hatte.


    Emotional eine wirklich harte Situation, bot sie mir doch einen willkommenen Anlass, das [lexicon='Kiffen'][/lexicon] wieder aufzunehmen, mit dem ich gedanklich sowieso nie richtig abgeschlossen hatte. Na, ja, ich wünsche Dir jedenfalls, dass Du stärker bist als ich. Tipps kann ich Dir aus verständlichen Gründen natürlich nicht geben...


    Gruß, Alice

    Ja, Mickey, da sagst Du was. Wahrscheinlich hatte ich nur tierisches Glück, dass ich zusammenklappte, bevor das Kartenhaus das tun konnte. Und ich bewundere echt die Leute, die den Absprung schaffen, bevor sie vollends am Boden sind. Ich war damals ein richtiges Wrack, sodass mir gar keine andere Wahl blieb. Als es mir noch relativ "gut" gegangen war, hatte ich schon mal aufgehört. Die Abstinenz dauerte dann ca. zwei Stunden :dx:...


    Gruß, Alice

    Also, was die sozialen Verhaltensmuster betrifft, hatte ich die selbst während meiner Hardcore-Polytox-Zeit nicht verlernt. Mal abgesehen von den Situationen, in denen ich mich wirklich zwanglos bewegen und so geben konnte, wie es mir in den Kram passte, achtete ich immer darauf, nirgendwo anzuecken. Ich war immer freundlich und höflich, kotzte niemandem auf den Teppich (oder sonstwo hin), verkrümelte keinen Tabak und verschüttete keinen Drink.


    Ich wollte einfach mit meinen Mitmenschen klarkommen, muss jedoch auch zugeben, dass es da eine Begleiterscheinung gab, die nicht gerade uneigennützig gewesen ist. Denn durch dieses vordergründig positive Verhalten schuf ich mir ein ganzes Heer an Co-Abhängigen und Gönnern. In all meinen Stammkneipen war ich "deckelwürdig", konnte also anschreiben lassen. Jeder aus meiner "Party-Traube" und deren Umfeld lieh mir Geld, denn ich zahlte immer pünktlich zurück (ich hatte mir nämlich ein umfangreiches Schuldenumverteilungssystem aufgebaut).


    Viele Freunde und selbst eher flüchtige Bekannte ließen mich bei sich übernachten oder überließen mir die Wohnung allein. Während der Lehrgänge des Arbeitsamtes überzeugte ich die jeweiligen Leiter davon, dass ich sehr wohl in den Pausen die nächste Trinkhalle oder Kneipe ansteuern durfte....und war im Gegenzug immer pünktlich und arbeitete hervorragend mit. Es ist nie zu einem Zwischenfall gekommen. Das Einzige, das man mir vorwerfen konnte, war meine [lexicon='Abhängigkeit'][/lexicon].


    In der "gemäßigten Phase", also in der Zeit nach der Alk-und-harte-Drogen-Zeit, als ich nur noch kiffte, hatte ich einen Job in einem Fahrradgeschäft. Der Chef wusste, dass ich kiffte, weil ich es ihm gesagt hatte. Trotzdem überließ er mir den Laden teilweise über Wochen allein. In der Hochsaison fuhr ich oft mit satten vierstelligen Beträgen in der Jeans nach Hause, machte die Kasse und zahlte auf der Bank Geld ein. Ich griff nie in die Kasse oder verkaufte Teile auf eigene Rechnung. Das hatte für mich einfach keinen Stil. Nur betrog ich mich eben die ganzen Jahre selbst...


    Gruß, Alice

    Das Verhältnis zu meinen Eltern war anfangs sehr gut. Und wo ich schon mal bei den Schulnoten bin: Während der ambulanten Kiff-Therapie sagte mir der Therapeut, dass ich als Kind instrumentalisiert worden sei. Ohne angeben zu wollen, war ich damals das "Paradepferd" der Familie. Nicht nur unserer Familie, sondern das der gesamten Verwandtschaft!


    Mühelos führte ich über Jahre das Ranking der jeweiligen Klasse an, und meine Eltern/Großeltern hatten ein Thema: MICH! Zu jeder sich bietenden Möglichkeit wurde ich vorgeführt. Man veranstaltete Buchstabier-Wettbewerbe, meistens mit einigermaßen komplizierten Fremdwörtern oder auch medizinischen Fachbegriffen (Mutter hatte in der Apotheke gelernt). Dann hieß es: ich gegen den Rest der Erwachsenenwelt.


    Und ich gewann immer. Alle "liebten" mich wegen meiner Klassenarbeiten und Zeugnisse. Als ich in die Pubertät kam und der Rebell in mir erwachte, sagte ich mir:"Hey, Moment mal! Alles erwartet ständig Bestleistungen von dir, wobei die Ehe deiner Eltern bestenfalls mit einer 5- zu benoten wäre...?!?" - Ich drehte den Spieß um und verweigerte die Leistung. Und prompt mochte man mich auch nicht mehr so sehr.


    Da dürfte der Hase im Pfeffer liegen - oder zumindest einer der Hasen...


    Gruß, Alice