Beiträge von Dr. Armin Kaser

    Hallo Letterlove,


    ich finde es sehr gut, dass Du bereits in Behandlung bei einer Therapeutin bist.

    Mit meiner Therapeutin habe ich auch darüber gesprochen. Diese meinte, dass sie mehr am Handy sitzt als ich(ich sitze 2 Stunden daran). Sie meinte, dass ich mich von den Aussagen meiner Familie distanzieren soll. Nur weil man sein Handy am Esstisch benutzt, heißt es noch noch lange nicht das man süchtig ist.

    Ich würde an Deiner Stelle auch eher ihrer Einschätzung vertrauen, als der von Eltern oder Verwandten. Sie hat sicher einen professionelleren und neutraleren Blick als alle anderen.


    Wenn sie meint, Du solltest Dich von deren Aussagen distanzieren, klingt das für mich sehr sinnvoll.


    Ab da hat sich auch bei mir der Gedanke gefestigt, dass ich süchtig war. Er meinte zu mir, dass mein Handy mit meiner Hand festgewachsen war, so mit 14-16. In meiner Gegenwart schimpfte meine Oma damals, wenn ich am Handy saß. Wenn mein Onkel vorbeikam, sagte sie es ihm. "Guck sie dir an, sie sitzt nur am Handy und tut nichts für die Schule!". Mein Onkel lachte nur und meinte zu mir : Wie kannst du nur am Handy sitzen!". Heute sagt er, dass ich mal süchtig gewesen bin und es jetzt nicht mehr bin.

    Es gibt leider ein verbreitetes Missverständnis, dass häufige Nutzung automatisch eine Sucht bedeutet. Besonders ältere Menschen, die nicht mit Smartphone und PC aufgewachsen sind, können oft nicht nachvollziehen, warum man recht viel Zeit damit verbringen kann.


    Von einer Sucht kann man erst sprechen, wenn er/sie

    • selbst oder sein/ihr Umfeld unter dem Medienkonsum leidet.
    • ohne Smartphone Entzugserscheinungen zeigt (z.B. Wut, Unruhe)
    • das Interesse an Hobbys und Freunden verliert
    • der/die Betroffene erfolglos versucht, seinen Medienkonsum zu reduzieren.


    In Deinem Text gibt es keine einzige Stelle, die an so ein Kriterium denken lässt. Und 2 Stunden Handynutzung täglich ist echt nicht viel. Im Durchschnitt verbringen die Deutschen 3,7 Stunden am Tag am Smartphone (schreibt die FAZ).

    Aus meiner Arbeit in einer psychiatrischen Reha kenne ich recht viele Fälle, in denen vor der Anerkennung einer Berufsunfähigkeit noch eine Reha versucht werden soll - quasi als definitives und offizielles Zeichen, dass man es ernsthaft noch einmal versucht hat.


    Übrigens wurde das in den stationären Einrichtungen, die ich kenne, nicht gern gesehen, wenn parallel noch eine ambulante Psychotherapie lief. Die wird für die Dauer des Aufenthalts in der Regel pausiert.


    Deine Posts sind inzwischen ein paar Monate her, kannst Du kurz sagen, wie es inzwischen weitergegangen ist?

    Lieber ubuntuuser,


    meine Vorposter haben ja schon angeregt, Dir Unterstützung von einem Psychologen oder Psychotherapeuten zu holen.


    Eine Computerspiel-Sucht (mittlerweile als Gaming Disorder auch als psychische Erkrankung anerkannt) oder exzessiver Medienkonsum treten in ca. 40 % der Fälle gleichzeitig mit einer Depression auf. Deine Beschreibung klingt nach wiederkehrende depressiven Phasen, in denen Du Dich dann mit dem Computer verkriechst.

    Es gibt Phasen in meinem Leben wo ich komplett die Kontrolle verliere, mich nicht von zu Hause wegbewege, kaum schlafe, wenig esse...

    Schlafprobleme und Appetitlosigkeit sind ebenfalls Symptome einer Depression.


    Vielleicht ist Dein exzessiver Medienkonsum also eher Folge von depressiven Phasen. Es ist sinnvoll, das von einem Psychologen abklären zu lassen.


    Der erste Schritt könnte sein, das mit Deinem Hausarzt zu besprechen. Er kann Dich bei Bedarf weiter verweisen. Depressionen lassen sich z. B. mit kognitiver Verhaltenstherapie (einer Art Psychotherapie) oder Medikamenten gut behandeln.


    ...muss aber mehr arbeiten als zuvor, um das Versäumte nachzuholen.


    Eine 50-60 Stunden Woche ist relativ normal bei uns und auch ein Muss, wenn man mithalten möchte.

    Langfristig sehe ich das ähnlich wie meine Vorposter, das ist zu viel. In einer Therapie würde man auch daran arbeiten, Dein berufliches Umfeld besser zu gestalten.