Eye Movement Desensitization and Reprocessing

  • Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz EMDR) ist eine von Francine Shapiro in den USA entwickelte psychotraumatologische Behandlungsmethode für Trauma-Betroffene. Dabei regt der Therapeut den Patienten nach strukturierter Vorbereitung zu beidseitigen Augenbewegungen an, wodurch es möglich werden soll, unverarbeitete traumatische Inhalte zu verarbeiten. Beidseitige Handberührungen (Taps) oder beidseitige Töne haben ähnliche Effekte.

    Eye Movement Desensitization and Reprocessing (kurz EMDR) ist eine von Francine Shapiro in den USA entwickelte psychotraumatologische Behandlungsmethode für Trauma-Betroffene. Dabei regt der Therapeut den Patienten nach strukturierter Vorbereitung zu beidseitigen Augenbewegungen an, wodurch es möglich werden soll, unverarbeitete traumatische Inhalte zu verarbeiten. Beidseitige Handberührungen (Taps) oder beidseitige Töne haben ähnliche Effekte.


    Abgrenzung


    Trotz oberflächlicher Ähnlichkeit, etwa durch die angeleitete Augenbewegung, ist EMDR nicht mit Hypnose zu verwechseln. Es soll keine Veränderung des Bewusstseinszustandes, sondern vielmehr eine Integration der mit dem Trauma verbundenen Emotionen und Empfindungen erreicht werden.


    Entstehung und Einführung


    Francine Shapiro hatte die Idee zur Erprobung und Untersuchung dieser Methode zufällig beim Spazierengehen im Park. Sie bewegte die Augen hin und her und erlebte eine deutliche Entlastung von Ängsten und depressiven Gedanken im Zusammenhang mit der bei ihr diagnostizierten Krebserkrankung.


    EMDR wurde 1991 von Arne Hofmann, einem Ausbilder am Institut von Francine Shapiro, in Deutschland eingeführt. 1995 wurde vom EMDR-Institut das erste Ausbildungsseminar für Psychologen und Ärzte in Kassel veranstaltet. 1999 wurde die deutsche Fachgesellschaft für EMDR, EMDRIA e.V., in Bielefeld gegründet.


    Wirkungsweisen und Hintergründe


    Nach einem Trauma kann es zum sogenannten „Sprachlosen Entsetzen" (speechless terror) kommen, das heißt, in der rechten Hirnhälfte werden Bilder prozessiert, die der Patient vor Augen hat, während das Sprachzentrum aktiv unterdrückt wird. Der Patient kann das Geschehene so nicht in Worte fassen, wodurch nachfolgend eine Verarbeitung des Erlebten erschwert wird. Es gibt bereits eine Vielzahl von Studien, die die Wirksamkeit von EMDR belegen und versuchen, die Wirkungsweise zu ergründen. Es wird angenommen, dass durch die bilaterale Stimulation mittels bestimmter Augenbewegungen (oder auch akustischen oder taktilen Reizen), eine Synchronisation der Hirnhälften ermöglicht wird, die bei der posttraumatischen Belastungsstörung gestört ist. Erklärend wird Bezug genommen auf eine Phase während des Schlafes, bei der starke Augenbewegungen stattfinden und zugleich ein erhöhter Verarbeitungsmodus des im Alltag Erlebten vermutet wird. Derzeit läuft an der Universität München ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes, auf drei Jahre geplantes Forschungsprojekt, das helfen soll, den Mechanismus der EMDR-Methode weiter aufzuklären.


    Ablauf


    Das eigentliche Durcharbeiten der belastenden Inhalte durch Augenbewegungen oder andere Stimulationsarten ist dabei ein recht später Schritt im Therapiemanual.

    • Anamnese: Zunächst muss eine genaue Anamnese erhoben werden, bei der z. B. die traumakompensatorischen Bewältigungsversuche des Patienten erfragt werden. Auch muss zuvor abgeklärt werden, ob gleichzeitig eine sogenannte dissoziative Störung vorliegt (hierbei werden Teile des eigenen Erlebens ausgeblendet/aktiv unterdrückt).
    • Stabilisierung: Die Stabilisierungsphase dauert je nach Lage der Ressourcen oft sehr lange. Besonders bei einer dissoziativen Störung muss als vorrangiges Therapieziel zunächst eine Grundstabilisierung des Patienten erreicht werden, die die Fähigkeit des Patienten stärkt, sich der Traumathematik vorsichtig und dosiert zu nähern und sich vor einer möglichen ungesteuerten „Überflutung" mit belastendem Erinnerungsmaterial aktiv zu schützen. Auch hierbei kann EMDR hilfreich sein, z. B. durch eine mittels angeleiteter Augenbewegung erfolgreichen Verankerung positiver Imagination wie „der innere sichere Ort" oder „der innere Tresor" nach Dr. Luise Reddemann.
    • Bewertung: Einer einzelnen ausgewählten Erinnerung, also einem „einzelnen Bild", das den belastendsten Teil einer Traumathematik darstellt, wird vom Patienten eine aktuell zutreffende negative Kognition, (z. B. „ich bin hilflos") zugewiesen sowie auch eine positive, die er in Zukunft damit verbinden möchte (z. B. „ich kann heute etwas tun" -was dann als eine Ressource zu verstehen ist). Die an dieser Stelle eingeschätzte Belastung der Situation soll im folgenden Bearbeitungs-Prozess sinken.
    • Desensibilisierung: In dieser Phase wird die Traumabearbeitung durch die Augenbewegungen begleitet. Während an die Traumathematik gebundene Energie freigesetzt wird, kommt es häufig zu unterschiedlichsten sogenannten Abreaktionen (wie z. B. Weinen, heftiges Atmen, Übelkeit u. a.), die erinnerte Situation verliert so ihre emotionale Aufladung. Zur Bearbeitung einer Traumathematik sind meistens mehrere EMDR-Sitzungen nötig. Einflechten von sogenannten Ressourcen z.B. „hilfreiche innere Wesen" oder „ideale innere Eltern", die zuvor z. B. mit Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie oder anderen Behandlungsmethoden installiert wurden unterstützt oftmals diese Phase.
    • Verankerung: Empfindet der Patient bei der erinnerten Situation keine Belastung mehr, wird die positive Kognition nochmals überprüft und mit Augenbewegungen verankert.
    • Körper-Test: Alle Missempfindungen zur erinnerten Situation sollten bei einem kompletten Abschluss der Sitzung verschwunden sein.
    • Abschluss: In der Besprechung zum Abschluss der Sitzung wird der Patient auf das „Nachprozessieren" (z. B. in Träumen) hingewiesen. Es bringt eventuell neues Material für weitere Sitzungen hervor und sollte in einem Tagebuch festgehalten werden. 

    Techniken


    Im Rahmen der EMDR-Therapie haben sich verschiedene Techniken herausgebildet und etabliert, beispielsweise die Arbeit mit der Affektbrücke nach Watkins („Float-Back" Technik (Shapiro)), die über den Zugang zu aktuelleren belastenden Situationen einen Zugang zu früheren belastenden Situationen herstellen kann.(Hofmann 2006 S. 63, 65)


    Bekannt ist die „Absorptionstechnik" (nach der „wedge technik" von A. Leeds & R. Kiessling 1999), die eine einfache Möglichkeit zum Einsatz von Ressourcen bietet durch Verbinden von ressourcenreichen Erinnerungen und Empfindungen mit einer belastenden Situation.(Hofmann 2006 S. 92).


    Gefahren und Qualitätskontrolle


    Die Behandlung dissoziativer Störungen sollte erfahrenen Traumatherapeuten vorbehalten bleiben, da der Patient sonst gefährdet ist, im Zuge der Behandlung retraumatisiert zu werden, das hieße, erneut überschwemmt zu werden mit den angstmachenden Gefühlen. Der Patient würde dann die auslösende Situation ungeschützt noch einmal durchleben. Dann würde die Traumatherapie mehr schaden als nutzen: die Symptome könnten sich vertiefen – möglicherweise in bedrohlichem Ausmaß; eine weitere Behandlung wäre erschwert. Eine sorgfältige Vorbereitung und Abklärung vonKomorbiditäten (gleichzeitig vorliegender anderer Erkrankungen) ist bei der Traumatherapie also sehr wichtig. Wichtig ist auch die Abklärung der damaligen Bewältigungsstrategien des Traumas, da auch diese durch das EMDR getriggert werden. Wenn z. B. damals nach dem erlebten Trauma suizidale Tendenzen bestanden, können diese auch nach der EMDR-Sitzung reaktiviert werden. Über diese Verbindung muss der Patient vorher aufgeklärt werden. Auf der Website der Fachgesellschaft kann auch ein Aufklärungsbogen zu EMDR-Behandlungen heruntergeladen werden.


    Zur Qualitätskontrolle in Behandlung und Ausbildung und um die weitere Entwicklung der EMDR-Methode zu fördern, wurde 1995 in den USA die Fachgesellschaft EMDRIA gegründet. 1998 wurde die europäische Fachgesellschaft EMDR-Europe gegründet. Beide haben derzeit weltweit ca. 11.000 Mitglieder. Die Fachgesellschaften sichern durch ihre Zertifizierungen (z.B. EMDR-Therapeut (EMDRIA), EMDR-Trainer (EMDR-Europe)) und Ethikausschüsse einen hohen Qualitätsstandard im Rahmen der Behandlung und Ausbildung.


    Anwendungsmöglichkeiten


    Heute werden in experimentellen Manualen neben der therapeutischen Intervention nach traumatischen Ereignissen auch andere Anwendungsmöglichkeiten des EMDR erprobt, z. B. bei der Behandlung von Angststörungen, die nicht immer Symptom eines erlittenen Traumas sein müssen. Erfolgreiche kontrollierte wissenschaftliche Studien liegen weiterhin über die Wirksamkeit von EMDR zur Behandlung von Rückfällen bei chronisch alkoholkranken Patienten sowie zu traumatisierten pädosexuellen Straftätern vor.


    Forschung


    Seit der Entwicklung der Methode wurde intensiv zu EMDR geforscht. Derzeit liegen zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung mit EMDR 16 kontrollierte Studien vor, die den Nutzen von EMDR belegen. Seit 15 Jahren finden international jährlich wissenschaftliche Konferenzen zu EMDR statt (in Europa zuletzt in Paris 2007, London 2008, Amsterdam 2009, Hamburg 2010). Die meisten der Forschungspapiere und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu EMDR sind in der Francine Shapiro Bibliothek zugänglich. Seit 2007 geben die internationalen EMDR-Fachgesellschaften gemeinsam das „Journal of EMDR Practice and Research" beim Springer Verlag heraus.


    Wissenschaftliche Anerkennung


    Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie verabschiedete in der Sitzung vom 6. Juli 2006 auf Antrag von EMDRIA Deutschland ein Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der EMDR-Methode zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen. Gemäß diesem Gutachten kann die EMDR-Methode zur Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen bei Erwachsenen als wissenschaftlich anerkannt gelten.


    EMDR wird von einigen klinischen Psychologen als eine Pseudowissenschaft oder als falsifiziert angesehen.


    Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen


    EMDRIA Deutschland unterstützt den derzeit laufenden Antrag beim Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, um die volle Aufnahme der EMDR-Methode in die Richtlinienversorgung der gesetzlichen Krankenkassen zu ermöglichen. Die Kosten von EMDR-Behandlungen im Rahmen von Richtlinienpsychotherapien werden bei Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung in der Regel derzeit schon vollständig übernommen.



    Zitat

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