Angst

  • Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Begrifflich wird dabei die objektunbestimmte Angst (lateinisch angor) von der objektbezogenen Furcht (lateinisch timor) unterschieden. Weiterhin lässt sich die aktuelle Emotion Angst unterscheiden von der Persönlichkeitseigenschaft Ängstlichkeit, also häufiger und intensiver Angst zu fühlen als andere Menschen.

    Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen
    Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser
    können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit,
    der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Begrifflich wird dabei
    die objektunbestimmte Angst (lateinisch angor) von der objektbezogenen
    Furcht (lateinisch timor) unterschieden. Weiterhin lässt sich die
    aktuelle Emotion Angst unterscheiden von der Persönlichkeitseigenschaft
    Ängstlichkeit, also häufiger und intensiver Angst zu fühlen als andere
    Menschen.




    Evolutionsgeschichtlich hat die Angst eine wichtige Funktion als ein die
    Sinne schärfender Schutzmechanismus, der in tatsächlichen oder auch nur
    vermeintlichen Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten (etwa
    Flucht) einleitet. Da der Energieaufwand für eine Flucht gering ist
    (wenige hundert kcal), übersehene Bedrohungen aber äußerst folgenschwere
    Auswirkungen nach sich ziehen können (Tod), ist die „Alarmanlage“ Angst
    sehr empfindlich eingestellt, was in vielen Fehlalarmen resultiert.




    Angst kann sowohl bewusst als auch unbewusst wirken. Entstehen durch
    Angst andauernde Kontrollverluste oder Lähmungen, wird von einer
    Angststörung gesprochen; ist diese Angst an ein bestimmtes Objekt oder
    eine bestimmte Situation gebunden, spricht man von einer Phobie.





    Begriffsgeschichte



    Der Begriff Angst hat sich seit dem 8. Jahrhundert von indogermanisch
    *anghu-, „beengend“ über althochdeutsch angust entwickelt. Er ist
    verwandt mit lateinisch angustus bzw. angustia, die „Enge“, „Beengung“,
    „Bedrängnis“ und angor, „das Würgen“. Das Wort „Angst“ gibt es als
    Wortexport auch im Englischen, siehe German Angst. Es bedeutet so viel
    wie Existenzangst. Man spricht von „angst-ridden“ (von Angst geritten,
    im Sinne von beherrscht). Vermutlich wurde das Wort 1849 von George
    Eliot eingeführt.






    Beispiele von Ängsten


    • Prüfungsangst: entweder Angst vor Prüfung selbst oder Angst, die Prüfung nicht zu bestehen;
    • Flugangst: Angst von Personen (tritt sowohl bei Passagieren als auch bei Piloten auf), dass das Flugzeug abstürzen könnte;
    • Platzangst (Agoraphobie): Angst vor weiten Plätzen, breiten
      Straßen, in großen Warenhäusern und Shopping Centern, besonders in
      Megamalls und auf ihren Parkflächen;
    • Einschlussangst (Klaustrophobie): im Aufzug, Kino, oder Menschenmengen aufkommendes Gefühl der Beklemmung;
    • Angst vor der Angst (auch Angstsensitivität): objektlose Angst vor den eigenen Angstsymptomen (siehe körperliche Reaktionen)


    Körperliche Reaktionen




    Die körperlichen Symptome der Angst sind normale (also nicht krankhafte)
    physiologische Reaktionen, die bei (einer realen oder phantasierten)
    Gefahr die körperliche oder seelische Unversehrtheit, im Extremfall also
    das Überleben sichern sollen. Sie sollen ein Lebewesen auf eine Kampf-
    oder Flucht-Situation (fight or flight) vorbereiten:


    • Erhöhte Aufmerksamkeit, Pupillen weiten sich, Seh- und Hörnerven werden empfindlicher
    • Erhöhte Muskelanspannung, erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit
    • Erhöhte Herzfrequenz, erhöhter Blutdruck
    • Flachere und schnellere Atmung
    • Energiebereitstellung in Muskeln
    • Körperliche Reaktionen wie zum Beispiel Schwitzen, Zittern und Schwindelgefühl
    • Blasen-, Darm- und Magentätigkeit werden während des Zustands der Angst gehemmt.
    • Übelkeit und Atemnot treten in manchen Fällen ebenfalls auf.
    • Absonderung von Molekülen im Schweiß, die andere Menschen
      Angst riechen lassen und bei diesen unterbewusst Alarmbereitschaft
      auslösen.

    Neben diesen individuellen Reaktionen hat das Zeigen von Angst
    (etwa durch den charakteristischen Gesichtsausdruck oder durch Sprache)
    gegenüber Anderen den sozialen Sinn, um Schutz zu bitten.




    Die körperlichen Ausdrucksformen der Angst sind die gleichen, unabhängig
    davon, ob es sich um eine reale Bedrohung oder um eine Panikattacke aus
    heiterem Himmel handelt. Jeder vierte Patient mit Angststörung klagt
    über chronische Schmerzen.






    Hirnforschung




    Das Wechseln zwischen dem Entstehen von Angst bei Verteidigungs- und dem
    Erlöschen der Angst bei Explorationsverhalten ist für das Überleben von
    vielen Tieren lebensnotwendig, aber wie dieser Übergang durch
    spezifische neuronale Schaltungen erreicht wird, ist noch nicht
    hinreichend erforscht. Neurophysiologen nehmen an, dass bidirektionale
    Übergänge zwischen Zuständen hoher und niedriger Angst kontextabhängig
    durch sehr schnelle Veränderungen im Gleichgewicht der Tätigkeiten von
    zwei verschiedenen Gemeinschaften basaler Amygdala-Neuronen ausgelöst
    werden.




    Ausgehend von der Amygdala werden folgende Regionen erregt:
    periaquäduktales Grau, Locus coeruleus, Nucleus parabrachialis, das
    vegetative Nervensystem über den Hypothalamus und die so genannte
    Stressachse (Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde und
    Adrenalin, sowie Noradrenalin aus dem Nebennierenmark), ebenfalls
    gesteuert über den Hypothalamus.






    Psychologie




    Gefahrensignale im Gedächtnis vorzuhalten, hat offensichtlich
    Selektionsvorteile. Angst ist die gelernte Verbindung von spezifischen
    Hinweisreizen in Ereignissen und deren schädlichen Konsequenzen. Ängste
    können auf drei verschiedene Weisen gelernt werden: durch eigene
    Erfahrung (s. Konditionierung), durch Beobachtung von Artgenossen (s.
    Lernen am Modell) und durch Instruktion (zum Beispiel Warnhinweise).
    Einige Ängste, wie die Angst vor Spinnen, Schlangen und wütenden
    Gesichtern, können sehr viel leichter gelernt werden als andere; sie
    sind offenbar, wie Martin Seligman es nannte, „biologisch vorbereitet“.
    Sie wirken auch, wenn die Reize unterschwellig dargeboten werden.
    Neuzeitliche Gefahrenquellen wie Schusswaffen oder defekte Elektrokabel
    sind jedoch nicht biologisch vorbereitet. Typische Reaktionen auf
    angstauslösende Stimuli sind Sympathikus-Erregung und
    Vermeidungsverhalten. Die autonome Sympathikusantwort und das Erkennen
    von Gefahrensignalen sind doppelt dissoziiert: Bei Schädigung der
    Amygdala kann das Gefahrensignal benannt werden, aber eine körperliche
    Angstreaktion erfolgt nicht, während bei Schädigung des Hippocampus die
    körperliche Angstreaktion ausgelöst wird, der Patient aber die Ursache
    nicht erkennt. Bei Säugetieren können die spontanen Angstreaktionen von
    neokortikalen Hirngebieten, insbesondere dem präfrontalen Kortex (PFC),
    moduliert werden. Zum Beispiel werden Mäuse schmerzempfindlicher, wenn
    sie zuvor die Schmerzreaktion einer anderen Maus beobachtet haben, aber
    nur, wenn es eine Bekannte war. Auch beim Menschen ist die empathische
    Angstreaktion kontextabhängig. So war im Experiment von Lanzetta und
    Englis die Stärke der Angst eines Beobachters davon abhängig, ob das
    Modell in einem Spiel Gegner oder Mitstreiter war. Projektionen vom
    ventromedialen PFC zur Amygdala sind entscheidend beim
    Extinktionslernen.






    Philosophie




    Die antike Stoa sah wie die Epikureer Angst als künstliche Emotion an,
    der mit Gelassenheit (Ataraxie) zu begegnen sei. Die Epikureer strebten
    einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der
    Tod im Grunde den Menschen nichts angehe, weil er kein Ereignis des
    Lebens sei. Die Angst vor den Göttern sollte dadurch entmachtet werden,
    dass man für die Auffassung argumentierte, dass die Götter in einer
    abgetrennten Sphäre existierten und sich für die Sterblichen nicht
    interessierten.




    Für Augustinus war die Angst das Gefühl, welches durch das Getrenntsein
    von Gott entsteht und sich nur durch den Glauben wieder aufheben lässt.




    Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehörte Angst zum notwendigen
    Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die
    Überwindung der Angst wird durch Arbeit vollzogen. Søren Kierkegaard
    unterschied erstmals die ungerichtete Angst von der auf einen Gegenstand
    bezogenen Furcht. Für ihn war Angst die Angst vor dem Nichts und mithin
    der Ausdruck der menschlichen Wahlfreiheit und
    Selbstverantwortlichkeit. Die Existenzangst ist eine allgemeine
    Erfahrung des Menschen, der sich im Laufe seiner Phylogenese weitgehend
    aus der Verbundenheit mit der Natur gelöst hat. Aus dem damit
    einhergehenden Verlust an Geborgenheit und den vielen
    Freiheitsmöglichkeiten („Schwindel der Freiheit“ nach Kierkegaard)
    resultiert diese Angst. Martin Heidegger bestimmte Angst als eine
    Grundbefindlichkeit des Menschen, welche diesem die Unabgeschlossenheit
    des eigenen Verständnishorizontes zum Gewahrsein bringt und ihn zur
    Entschlossenheit befähigt.




    „Die Angst vor dem Tode ist die Angst „vor“ dem eigensten, unbezüglichen
    und unüberholbaren Seinkönnen. Das Wovor dieser Angst ist das
    In-der-Welt-sein selbst. Das Worum dieser Angst ist das Sein-können des
    Daseins schlechthin.“


    – Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927)






    Psychoanalytische Sicht




    Sigmund Freud unterschied drei Ursachen der Angst:


    • Die Realangst: Diese stellt sich bei äußerer Bedrohung
      in Gefahrensituationen ein, entspricht also der Furcht. Sie soll
      Gefahren signalisieren und als Antwort darauf angepasste Reaktionen
      auslösen. Die natürlichen Reaktionen sind Flucht, Ausweichen vor der
      Situation, Panik, Wut und Aggression. Dazu gehört auch die Vitalangst,
      welche bei lebensbedrohlichen Erkrankungen und Situationen wie z. B.
      Angina pectoris oder Asthma bronchiale auftritt. Das Ausmaß der
      Realangst ist auch von Faktoren wie der psychovegetativen Verfassung
      (Erschöpfung oder Auszehrung), der Persönlichkeit und
      Reaktionsbereitschaft, der Widerstandskraft und frühkindlichen
      Angsterfahrungen abhängig. Angst erhöht die Anpassungsfähigkeit, indem
      sie das Erlernen neuer Reaktionen zur Bewältigung von Gefahr motiviert.
      Sie kann aber auch bei zu großer Intensität zu in Bezug auf die
      Gefahrenbewältigung unangepassten Reaktionen und selbstschädigendem
      Verhalten führen.
    • Die Binnenangst bzw. neurotische Angst: Sie stellt sich
      ein, wenn das Ich von übermäßigen Triebansprüchen des Es überwältigt zu
      werden droht.
    • Die moralische Angst: Sie tritt auf, wenn das Über-Ich mit
      Strafe wegen Verletzungen von Regeln und Tabus droht, und äußert sich in
      Scham oder Schuldgefühlen.

    Zur Verteidigung gegen diese Ängste stehen dem Ich mehrere
    Abwehrmechanismen zur Verfügung, die Anna Freud in ihrem Buch Das Ich
    und die Abwehrmechanismen (1936) dargestellt hat.




    Der Psychiater und Psychoanalytiker Stavros Mentzos hält die Angst
    aufgrund der sie „begleitenden vegetativen Erscheinungen sowie analoger
    Erscheinungen bei Tieren“ für ein „angeborenes und biologisch
    verankertes Reaktionsmuster“ und vergleicht sie mit der Schmerzreaktion.
    Im Anschluss an die Verhaltenstherapie fragt er sich, „ob nicht die
    Angst ein regelrechter Instinkt ist“.






    Angst in verschiedenen Religionen




    Theologisch gesprochen sollte die Angst vom Glauben überwunden werden.
    In allen Religionen geht es um die Entmachtung der Angst, auch dort, wo
    die Götter selbst als furchteinflößend erscheinen, womit eher Ehrfurcht
    als Furcht erzielt werden soll. Durch Rituale und Opfer versuchte der
    Mensch von Urzeit an, ihm unheimliche Mächte zu beeinflussen und gnädig
    zu stimmen.




    Im Buddhismus besteht die „Erleuchtung“ darin, das Ich und sein
    vielfältiges Begehren als unheilvolle und Leid verursachende Illusion
    aufzudecken. Der Erleuchtete müsse nicht mehr aus der Angst um sich
    selbst leben, weil er erkannt habe, dass sein individuelles Selbst nur
    eine Täuschung sei: Er sei vom Ich befreit.




    Der christliche Glaube versteht sich ursprünglich als die Gemeinschaft
    des Menschen mit Gott, der in Jesus von Nazaret Mensch geworden ist, um
    dem Menschen seine wahre Wirklichkeit, nämlich sein unbedingtes
    Geborgensein in der Liebe Gottes im mitmenschlichen Wort zu offenbaren.
    Wer Anteil habe am Verhältnis Jesu zu Gott, ist nach der christlichen
    Botschaft nicht mehr unter der Macht der Angst um sich selbst, sondern
    werde eben durch den Glauben davon befreit, irgendetwas in der Welt zu
    vergöttern oder an der Welt zu verzweifeln, wenn ihm das fälschlich
    Vergötterte genommen wird: Darin bestehe die Erlösung des Menschen. Denn
    die Liebe Gottes sei stärker als alle Angst um sich selbst und stärker
    sogar als der Tod.




    Im frühchristlichen Sonntagsgottesdienst war es darum ausdrücklich
    verboten zu knien, um auszudrücken, dass der Christ Gott angstfrei auf
    Augenhöhe begegnen kann. Das Christentum förderte mit der Angst vor der
    Verdammnis und Hölle allerdings neue Ängste. Noch bis ins 20.
    Jahrhundert hinein sahen in Deutschland Katecheten beider Konfessionen
    die Drohung mit der Hölle als adäquates erzieherisches Mittel an. Auch
    der Hexenwahn kann als Ausdruck von kollektiven Ängsten betrachtet
    werden. Ekklesiogene Neurosen und psychotische Wahnvorstellungen hängen
    oft mit angstbesetzten religiösen Vorstellungen zusammen.








    Zitat

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