Dauerkiffer / Trinker / sonst was-"Freund" wird immer unerträglicher. Meine widerstreitenden Gefühle und Orientierungslosigkeit

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  • Hallo, liebe Gemeinde,


    ich muss mir was von der Seele schreiben, was mich schon sehr lange beschäftigt. Mein Text ist erschreckend lang geworden.


    In den letzten vier Jahren musste ich miterleben, wie ein Mann, der mir sehr am Herzen liegt und dem auch ich laut eigenem Bekunden am Herzen liege (das habe ich immer gespürt, obwohl ich mich seit einem Jahr frage, ob ich mir da nicht was vormache), immer mehr vor die Hunde geht – so mein Eindruck. Seit vier Jahren haben wir so etwas wie eine On/Off-Beziehung, irgendwas zwischen einer Bettgeschichte und einer Liebesgeschichte, die ich gerne hätte wachsen lassen. Er verhielt sich ambivalent, war aber meist derjenige, der den Kontakt wiederherstellte. Im Moment haben wir nach einem Streit Anfang Januar, abgesehen von einigen kleinen Textnachrichten, keinen Kontakt.


    Wir sind beide über 40. Ich bin Freiberuflerin, er ist Kellner in einem italienischen Restaurant und betreibt nebenher und mit viel Herzblut eine Nachrichten-Webseite. Als wir uns kennenlernten, war ich irritiert und verärgert über seine Unzuverlässigkeit und sein Stubenhockerdasein. Ich konnte es nicht einordnen, sagte aber nicht viel dazu, sondern wollte das Ganze erst mal beobachten. Dann kamen auf einmal merkwürdige verbale Ausbrüche von ihm, unzusammenhängendes, wirres Geschreibsel via Chat (telefonieren wollte er nie) – ob nachmittags oder mitten in der Nacht –, die mich sehr verstört haben. Er sei besoffen gewesen (am Nachmittag), hieß es dann entschuldigend. Irgendwann habe ich gesehen, dass er kifft. Dass es mehrere Joints sind, die er so an einem Abend oder Tag raucht, ist mir erst im Lauf der letzten zwei Jahre klar geworden. Ich selbst kiffe nicht. Habe ein paar Mal gezogen, aber es interessiert mich nicht. Ich habe nichts gegen einen leichten Rausch ab und zu, aber mit Drogen hab ich nichts am Hut, sie sind mir suspekt. Ich will wach sein.


    Dazu kommt sein Alkoholkonsum, viel Bier (drei, vier Dosen am Abend, wenn nicht mehr) oder was auch immer vor, während und nach der Arbeit. In der Gastronomie scheint das ja kein Einzelfall zu sein, wie ich mir hab sagen lassen.


    Sein Philosophie-Studium hat er vor vielen Jahren abgebrochen. Er ist hochintelligent, sehr belesen, neugierig, musikalisch, musik- und filmbegeistert. Vor allem aber warmherzig, großzügig, lustig. Trotzdem habe ich alle paar Monate das Handtuch geworfen, weil ich entsetzt über seine merkwürdigen Äußerungen im Internet war (sowohl öffentlich über FB als auch privat), das Gefühl hatte, nur als Betthase gebraucht zu werden und letzten Endes selbst große Probleme damit hatte (und habe), ihn zu konfrontieren, offen und ehrlich, anstatt gleich die Flinte ins Korn zu werfen.


    Vor zwei Jahren haben wir einige harmonische Monate miteinander verbracht, in der jeder von uns von sich erzählt hat. Das hat mich sehr berührt, ich fühlte mich ihm sehr nah, und spürte, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein sehr heftiges Liebesgefühl. Da hatte ich das Gefühl, ihn zu erreichen. Gekifft hat er trotzdem und nicht zu wenig, und das hat dann letzten Endes wieder zum Bruch geführt.


    Letztes Jahr im Herbst hatten wir unseren bislang letzten Versuch miteinander. Schon zum ersten Treffen kam er mit Alkoholfahne, was mich schockiert hat. Wieder habe ich nichts gesagt, obwohl ich in den zurückliegenden Monaten sogar zur Drogenberatung gegangen war, um mir dort Hilfe für mich zu holen. Mittlerweile war mir nämlich klar geworden, dass er ein großes Suchtproblem hat (er weiß es, redet manchmal in verächtlichem Ton von sich als Säufer) und dass ich endlich einen Weg aus der Ambivalenz, aus der Verschleierung der Tatsachen für mich finden wollte. Ich war ja irgendwie mit abhängig. Dann habe ich mir ein Herz gefasst und ihn schriftlich gebeten, in meiner Gegenwart nicht mehr zu kiffen. Erst war er empört, dann wollte er reden, dann wieder nicht, und so verstrichen Monate, bis ich ihn dann Anfang Januar etwas ungehalten damit konfrontierte. In dieser Phase hatte ich das Gefühl, ihn verloren zu haben. Er war irgendwie zu, dicht eben. Ein Mensch, der sich aufgegeben hat, den Entertainer für andere mimt, die sich einen Dreck darum scheren, dass er alles andere als souverän ist. Es ist so traurig, so was mit anzusehen.


    Als ich ihn an diesem Abend auf meinen Brief ansprach, ging er gleich in die Luft. Er hätte nichts geraucht, ob ich denn damit nicht zufrieden sei, und dann folgte ein Monolog, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, ohne roten Faden. Er hat sich wahnsinnig aufgeregt. Irgendwann bin ich dann tiefverletzt gegangen. Vor ein paar Monaten dann hat er mich angeschrieben und gefragt, ob wir noch eine Chance hätten. Ich habe ihm dann die Webseite der Caritas geschickt und noch eine andere. Dafür hatte er nur Verachtung übrig, obwohl er zuerst gar nicht so ablehnend reagiert hat. Ich habe ihm dann zum ersten Mal erzählt, dass ich dort (bei der Caritas) schon gewesen sei, sie mir geholfen hätten, dass ich mir Sorgen mache, aber nicht zusehen werde, wie er sich zerstört. Daraufhin ist er kommentarlos für einen Monat untergetaucht, um mir dann im Juni seine neue Handynummer zu schicken und mich zu fragen, wie's mir ginge.


    Mir ging's in den letzten Monaten eigentlich ganz gut ohne ihn. Ich habe gemerkt, dass auch ich meine Süchte habe und mich gefragt, wieso. Wahrscheinlich hab ich mich auch abhängig von ihm gemacht.


    Im Moment bin ich entsetzt zu sehen, dass er offensichtlich eine komplette Egalhaltung angenommen hat. Nicht nur mir gegenüber (das tut sehr, sehr weh). Er scheint sich komplett aufgegeben zu haben.


    Passiert das, wenn man drogenabhängig ist? Ich war selbst mal magersüchtig, kann mich aber nicht daran erinnern, jemals so die Fassung verloren zu haben.


    Vor ein paar Tagen schrieb er mir morgens um 9:30 eine Nachricht in seinem üblichen Stil, das heißt erst kommt ein Youtube-Video mit irgendeinem Song, den er in der Nacht ausgebuddelt hat, dann schreibt er ein paar Zeilen dazu. Und ich doofe Kuh glaubte allen Ernstes, dass wir uns "normal" unterhalten könnten, bis mir auf einmal klar wurde anhand seiner Sprache, dass er von irgendwas total breit sein musste. Offensichtlich hatte er noch gar nicht geschlafen (er geht, wenn er arbeitet, meist nicht vor 6:30 ins Bett und schläft dann sehr lange). Ich konnte nicht verstehen, was er da schrieb. Und das lag nicht daran, dass es auf Italienisch war, das kann ich gut. Er faselt dann irgendwas und mixt am liebsten noch ein paar anzügliche Sachen rein. Ich hab mich ganz schnell verabschiedet, woraufhin er hinterherschickte, dass er zur Stelle wäre, falls ich eines Tages entdecken würde, dass das Leben endlich ist und ich Leben genießen will. Da war ich platt, denn genau dasselbe kann ich ihm auch sagen.


    Vorgestern habe ich ihm geschrieben, ihn gebeten, mich nicht mehr zu kontaktieren, wenn er breit ist. Ganz ohne Vorwürfe, aber auch ohne die Frage, wieso er das tut, denn dazu habe ich im Moment keine Lust. Ich will's nicht wissen, brauche meine Kraft für mich. Und trotzdem mache ich mir gerade unglaubliche Sorgen. Dieser Gefühlsmix aus Sorgen, Verzweiflung, Wut, Genervtsein ist sehr schlimm für mich.


    Wird man so, wenn man täglich Alkohol- und Marihuana und sonst was konsumiert? Zu einem blöden, langweiligen, notgeilen Arschloch, das sich in Selbstmitleid badet?


    Diese Worte sind hart, aber ich bin sehr traurig und besorgt.


    Danke fürs Lesen.


    Gute Nacht!

  • Wird man so, wenn man täglich Alkohol- und Marihuana und sonst was konsumiert? Zu einem blöden, langweiligen, notgeilen Arschloch, das sich in Selbstmitleid badet?

    Ob man dazu unbedingt irgendwas konsumieren muss, um so zu werden, möchte ich nicht unterstreichen.

    Sicher hat das auch mit Abhängigkeiten zu tun, aber nicht jeder Süchtige verliert sich in diese Beschreibung.

    Mit welchen Stoffen man blöd wird, wird man nicht direkt an einem bestimmten Stoff festmachen können.

    Natürlich sagt man Alkohol bestimmte Veränderungen zu, genauso dem Kiffen und trotzdem glaube ich, ist es vom jeweiligen Menschen abhängig.

    Was Selbstmitlied angeht, dann kann man das aber wirklich allen Süchten zuschreiben ;)


    Im Grunde hast du ja bereits so gut wie alles unternommen, von Suchtberatung bis Eigenschutz!

    Jetzt fehlt vielleicht noch die Konsequenz, wirklich den Kontakt sofort zu unterbinden, wenn klar ist, dass er berauscht ist.

    Wichtig ist dabei immer, dass Sorgen, Verzweiflung, Wut, Genervtsein nicht in einer Art Co-Abhängigkeit abdriften.


    Scheinbar ist er einfach (noch) nicht soweit, um seine Suchterkrankung zu erkennen ...

    Dazu hört man ja immer wieder, ein Süchtiger muss erst ganz am Boden sein, um seinen Schlamassel erkennen zu können.

    Da aber zu zuschauen, ist ungemein schwer und kaum aushaltbar!

    Seine "Egalhaltung" könnte aber schon so eine Phase sein, die er aber noch nicht für sich nutzt.


    Du wirst wohl eine Entscheidung treffen müssen, willst du weiterhin alles wie gehabt ertragen oder eben nicht.

    Das soll nicht heißen, er könne sich nicht ändern, aber mal ganz ehrlich - warum sollte er was ändern, wenn sein Umfeld doch immer wieder ohne größeren Konsequenzen alles hinnimmt?


    Ich denke du hast 3 Möglichkeiten:

    • kompletter Kontaktabbruch ohne Wenn und Aber
    • alles wie gehabt beibehalten, ohne Änderung
    • für ihn dazu sein, wenn es Sinn macht, wozu aber klare Regeln nötig sind

    Letzteres wäre schön, aber es muss dir klar sein, auch wenn er clean werden sollte - Rückfälle können immer auftreten.

    Dazu muss aber erstmal er seinen Teil leisten, Änderung wollen, Hilfe zulassen, einsehen das es so nicht weiter geht und und und ...

    Fange nie an aufzuhören <-> höre nie auf anzufangen

    Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)

  • Ich sehe da die Geschichte eines Beziehungsproblems. Die Suchtproblematik steht hier vielleicht eher am Rand.


    Letztendlich gibt es an dem Mann Eigenschaften, die dir ganz hervorragend gefallen, und Sachen die dir nicht gefallen.


    Du sagst auch er liegt dir am Herzen, aber dazu kommt wahrscheinlich, dass du auch ganz bestimmte Sachen von ihm oder einem Partner haben willst oder erwartest.


    Den Menschen jetzt so zu heilen, modifizieren, verbiegen, dass er dem eigenen Bedürfnis nach einem "passenden" Partner entspricht, erscheint mir nicht erfolgversprechend. Wenn man es geschickt anstellt, klappt das vorübergehend, ihn in eine von dir wünschenswertere Form zu bringen, aber letztendlich wird er ohne "aktives Druck von außen" in seine angestammte Originalform zurückspringen.


    Selbst wenn der Mann urplötzlich von den Drogen abliesse (was eine wirklich wilde Spekulation ist). Kann man überhaupt annehmen, dass er dann zuverlässiger wird? Weniger Stubenhocker? Weniger notgeil? Mit weniger Arschloch-Kanten? Weniger selbstmitleidig? Sich nicht mehr auf irgendeine andere Weise gehenlassend? Vielleicht, vielleicht auch nicht.


    Vielleicht wird er dann für dich auch nicht gefälliger sondern noch ungefälliger oder inkompatibler. Unter dem Eindruck einer krassen Veränderung wie Abstinnez muss es nicht mal sein, dass er sich dir mehr zuwendet, sondern könnte sich auch mehr abwenden.


    Die realistischste Annahme ist erstmal, das jemand genau so ist, wie man ihn auch gerade vorfindet.


    Du könntest dir ja auch versuchen, jemanden mit seinen Vorteilen und ohne seine Nachteile zu suchen. Was natürlich wohl keiner hier für eine einfache oder banale Aufgabe hält.


    Oder jetzt die Schwächen annehmen. Für mich hörst du dich aber nicht so an, als ob du das könntest. Aber sich zu ändern kommt ihm zu, falls er will und kann. Da hast du meiner Meinung nach vernünftig schlicht keinen Einfluss darauf.


    Gibt es Hoffnung oder muss man besser deine bisherigen Investitionen im Sinne möglicherweise drohender weiterer Kraftverschendungen abschreiben? Das ist eine wichtige Frage.


    Ich stehe da auf dem Standpunkt entweder es passt oder es passt nicht. Hat er denn mal seinen Mund in einer klaren Minute aufgetan und kann benennen, ob er auch nur eine feste Partnerin will, oder was für eine und ob du ihm da passt?


    Du sagst ja, du hast Angst, ihn zu konfrontieren. Das deute ich so: Du glaubst nicht, dass er ernsthaft an einer Langzeitbeziehung mit dir interessiert ist, oder dafür etwas investieren will oder kann, das dir ausreicht. Deshalb fragst du lieber nicht deutlich oder genauer nach. Wenn ich das richtig interpretiere, wäre das wahrscheinlich keine erfolgversprechende Strategie.

    Ich bin kein Fachmann. Alle meine Aussagen sind nur meine laienhafte Einschätzungen, die auf eigenen unzulänglichen Überlegungen oder subjektiven Erfahrungen beruhen.

  • Vielen Dank, Franz und strider, für Eure Antworten.


    Ich muss das jetzt mal sacken lassen und melde mich nach dem Wochenende wieder.


    Schönes Wochenende!