Exzessiver Medienkonsum - bitte um Rat

  • Hallo,


    ich bin neu hier im Forum und bitte um euren Rat. Ich glaube ich habe ein temporäres Suchtproblem (falls so etwas überhaupt existiert). Ich verbringe teilweise sehr viel Zeit auf der Flucht vor der Realität. Bei mir äußert sich das in exzessivem Medienkonsum.


    Es gibt Phasen in meinem Leben wo ich komplett die Kontrolle verliere, mich nicht von zu Hause wegbewege, kaum schlafe, wenig esse, Verabredungen mit Freunden absage und meine Arbeit schleifen lasse (ich kann mir meine Zeit sehr frei einteilen). Wenn man dann die übliche Liste der Anzeichen einer Sucht zu Rate zieht, kann ich praktisch jeden Punkt abhaken. Ich kann und will garnicht aufzählen wieviele tolle Augenblicke ich im echten Leben versäumt habe, weil ich vorm PC gehangen habe.


    Es gibt aber auch die andere Seite, jene die mein Umfeld vorzugsweise zu sehen bekommt. Ich bin objektiv gesehen halbwegs erfolgreich in dem was ich tue. In den Zeiten wo ich "mich im Griff habe", bin ich sogar sehr gut darin. Jedoch ist es wie das Amen im Gebet, dass ich nach einer Phase in der es richtig gut läuft wieder in ein Loch falle und tagelang unbrauchbar bin. Viele Wochenenden verbringe ich alleine zu Hause und sitze nur vorm Computer, obwohl ich die Möglichkeit hätte etwas Tolles zu unternehmen. Das war bei mir schon als Jugendlicher so. Da ich stets gute Noten hatte ist es damals nicht aufgefallen.


    Wenn ich es doch schaffe unter Leute zu gehen, bin ich meistens wie ausgewechselt, lustig und gesellig. Ich verstehe mich nicht. Ich werfe so viele Gelegenheiten etwas zu erleben und glücklich zu sein weg nur um meine Zeit alleine in einer fiktiven Welt zu verbringen. Nach solchen Exzess-Tagen fühle ich mich leer und ausgelaugt. Eigentlich bräuchte ich dann "Urlaub vom Urlaub", muss aber mehr arbeiten als zuvor, um das Versäumte nachzuholen.


    Irgendwie schaffe ich es anders nicht wirklich abzuschalten. In den "guten" Zeiten (wo ich meinen Medienkonsum im Griff habe) arbeite ich oft 10 -12 Stunden am Tag und bin am Abend nicht in der Lage den Stress des Tages beiseite zu legen. Ich habe Schlafprobleme und das Gefühl nicht gut genug zu sein. Eigentlich mag ich meinen Job extrem gerne, aber mein Umfeld ist auch sehr leistungsorientiert. Eine 50-60 Stunden Woche ist relativ normal bei uns und auch ein Muss wenn man mithalten möchte. Manchmal kann ich das nicht. Die paar Tage die ich immer wieder ausfalle machen alles nur noch schlimmer (auch wenn es meistens Wochenenden betrifft). Ich schäme mich zu sagen, dass ich mich schon das ein oder andere Mal krank gemeldet habe, weil ich bis 6 oder 7 Uhr in der Früh vorm PC gesessen bin oder noch öfters nach 2-3 Stunden Schlaf versucht habe produktiv zu arbeiten (was natürlich kaum möglich ist).


    Seltsamerweise geht es mir in den weniger stressigen Phasen noch schlechter. Wenn ein verlängertes Wochenende ansteht kann ich mir sicher sein, dass ich nichts von dem mache was ich mir vorgenommen habe (raus gehen, Freunde treffen, endlich die Einkäufe erledigen, zu denen ich sonst kaum komme) sondern nur vorm PC sitze.


    Ich habe das Gefühl mein Leben zu verpassen. Hat jemand von euch einen Tipp für mich wie ich ohne Computer meinen Kopf mal abschalten kann? Ich glaube dann würde ich auch nicht immer wieder in diese ungesunden Konsummuster fallen.

  • Servus,

    um ehrlich zu sein halte ich es nicht für unbedingt normal, wenn man 50 oder 60 Stunden Regel Arbeitszeit hat.
    Ich vermute du übst eine selbstständige Arbeit aus, oder?
    Leider hast du nicht angegeben wie alt du bist, nicht dass das unbedingt wichtig wäre, in meiner Überlegung geht es mir darum wie lange du dieses Arbeitspensum noch schaffen musst/willst.

    Wenn du unter Leute gehst, bist du meist wie ausgewechselt, was denkst du darüber - ist das dein ich oder eher eine Art Maske?
    Da du leider auch Verabredungen mit Freunden auf sagst, ist der Ansatz nicht ganz einfach.
    Als erstes würde mir da Sport einfallen, vielmehr Mannschaftssport, was man oft dann nicht so einfach absagt, weil man der genau weiß dass sich alle auf einen verlassen.

    Hast du schon mal überlegt das ganze über therapeutische Begleitung aufzuarbeiten?
    Grundsätzlich ist gerade ein Suchtverhalten in diesem Bereich wirklich nicht einfach zu behandeln, daher würde ich eben zu einem Profi raten.
    Die ganzen Medien musste er auch beruflich nutzen, da kann man nicht einfach sagen ich trinke zum Beispiel keinen Alkohol mehr o. ä. …

    Fange nie an aufzuhören höre nie auf anzufangen

    Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)

  • Hallo Franz,


    vielen Dank für Deine Antwort!


    Mein Arbeitsverhältnis ist etwas kompliziert und ich möchte diesbezüglich nicht ins Detail gehen. In meinem (Arbeits-)Umfeld ist eine 50+ Stundenwoche schon eher die Regel. Ich sage nicht, dass das erstrebenswert wäre aber man orientiert sich doch natürlicherweise an der Norm die in der eigenen "Blase" vorherrscht. Außerdem bereitet mir meine Tätigkeit wirklich große Freude, es fühlt sich oft garnicht nach Arbeit an.

    Ich bin 25. Ich glaube nicht, dass mich die Stundenanzahl belastet, der Leistungsdruck (egal ob der von mir selbst kommt oder von außen) aber schon.

    Wenn ich mit Freunden zusammen bin fühlt es sich nicht an wie eine Maske. Ich bin einfach ein Mensch, der in Gesellschaft aufblüht. Umso dümmer von mir, mich zu Hause zu verkriechen (ich lebe alleine). Es ist mir auch bewusst, dass es mir in solchen Momenten helfen würde mich mit Leuten zu umgeben, aber ich tue es einfach nicht.


    Ich bin in einem Sportverein angemeldet wo ich feste Trainingszeiten habe und meistens gehe ich auch hin (aber eben viel zu oft nicht). Wenn ich einen schlechten Tag habe ist es mir dann irgendwie egal ob ich Leuten (oder auch mir selbst) mit meinem Verhalten schade.


    Über therapeutische Hilfe habe ich noch nie nachgedacht. Mein Leben ist abgesehen von dem Problem so unglaublich viel Zeit vor dem PC zu verschwenden eigentlich bis jetzt nicht schlecht verlaufen. Ich weiß auch nicht woher mein Verhalten kommt. Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass es in meiner Familie eine Vorgeschichte mit Alkoholsucht gibt und ich zu meinen Eltern eigentlich keinen Kontakt, jedoch einen sehr stabilen Freundeskreis habe (also ich bin nicht einsam oder so). Ich glaube ich habe einfach nie gelernt mit Stress/Druck/dem Leben umzugehen (auch positive Erlebnisse können dieses exzessive Verhalten bei mir auslösen). Mit jeglichen Substanzen hatte ich übrigens noch nie Probleme (egal ob Alk oder Gras, beides probiert, beides zum Glück null Suchtpotential für mich).


    Ja, ich bin auf den Computer auch beruflich angewiesen. Trotzdem schaffe ich es oft Wochen lang den PC rein für berufliche Zwecke zu nutzen. Dann aber kommen wieder Zeiten wo mir die Kontrolle über mein Verhalten komplett entgleitet. Ich bin dann auch ein ganz anderer Mensch: antriebslos, schweigsam und alleine das Aufstehen aus dem Bett wird zum unüberwindbaren Hindernis.

    Ich dachte vielleicht hat hier jemand ähnlich Schwierigkeiten und kann mir einen Tipp geben wie ich dieses Verhalten weg bekomme. Außerdem ist es ganz nett mal darüber zu reden/schreiben weil das sonst keiner weiß.

  • Hallo ubuntuuser,


    Ich dachte vielleicht hat hier jemand ähnlich Schwierigkeiten und kann mir einen Tipp geben wie ich dieses Verhalten weg bekomme

    Wenn ich Deine Beiträge lese, frage ich mich, wann Du eigentlich Zeit findest Dich auf Dich selbst zu besinnen? Entweder 50+ Wochenstunden arbeiten oder bis zur inneren Leere vor dem PC abhängen. Du scheinst mit allen Mitteln zu vermeiden, mal Kontakt mit Dir aufzunehmen. Der Preis in "Deiner Blase" ist ganz schön hoch, finde ich. In der Psychologie nennt man das wohl Selbstverlust. Ich finde es ehrlicherweise ganz gut, dass sich bei Dir ein Verhalten eingeschlichen hat, welches Du aktuell als sehr störend erlebst und das ist überhaupt nicht böse gemeint. Es fordert Dich jetzt auf genauer hinzugucken, genauer auf Dich zu gucken. Du hättest lieber einen Tipp welchen Knopf Du drücken musst, aber den gibt es nicht. Du bist noch so jung. Das Leben rauscht an Dir vorbei. Ich schließe mich der Überlegung von Franz an, Dir therapeutische Unterstützung zu suchen.

  • Lieber ubuntuuser,


    meine Vorposter haben ja schon angeregt, Dir Unterstützung von einem Psychologen oder Psychotherapeuten zu holen.


    Eine Computerspiel-Sucht (mittlerweile als Gaming Disorder auch als psychische Erkrankung anerkannt) oder exzessiver Medienkonsum treten in ca. 40 % der Fälle gleichzeitig mit einer Depression auf. Deine Beschreibung klingt nach wiederkehrende depressiven Phasen, in denen Du Dich dann mit dem Computer verkriechst.

    Es gibt Phasen in meinem Leben wo ich komplett die Kontrolle verliere, mich nicht von zu Hause wegbewege, kaum schlafe, wenig esse...

    Schlafprobleme und Appetitlosigkeit sind ebenfalls Symptome einer Depression.


    Vielleicht ist Dein exzessiver Medienkonsum also eher Folge von depressiven Phasen. Es ist sinnvoll, das von einem Psychologen abklären zu lassen.


    Der erste Schritt könnte sein, das mit Deinem Hausarzt zu besprechen. Er kann Dich bei Bedarf weiter verweisen. Depressionen lassen sich z. B. mit kognitiver Verhaltenstherapie (einer Art Psychotherapie) oder Medikamenten gut behandeln.


    ...muss aber mehr arbeiten als zuvor, um das Versäumte nachzuholen.


    Eine 50-60 Stunden Woche ist relativ normal bei uns und auch ein Muss, wenn man mithalten möchte.

    Langfristig sehe ich das ähnlich wie meine Vorposter, das ist zu viel. In einer Therapie würde man auch daran arbeiten, Dein berufliches Umfeld besser zu gestalten.

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