Leben nach dem Entzug

  • Hallo Alle,


    ich bin ganz neu und weiß um ehrlich zu sein nicht genau, was ich von diesem Forum erwarte.


    Ich bin in einer Beziehung, die noch nie einfach war. 5 Jahre on - off und seit ungefähr 1 1/2 Jahren nun tatsächlich ohne Unterbrechung. Dass mein Partner seither ein Problem mit Alkohol hat, war mir immer bewusst. Seit September letzten Jahres kämpft er nun aktiv gegen seine Sucht. Seine erste Entgiftung hatte er im letzten September und hat es geschafft, 3 Wochen trocken zu sein. Dass er wieder mit dem Trinken begonnen hat, hat er mir allerdings erst Anfang Januar diesen Jahres gestanden. Ich war schockiert. War ich wirklich so dumm und habe das nicht mitbekommen? Oder habe ich das alles einfach ignoriert? Er hat vor Kurzem seinen Job gekündigt, da auch dieser ein Trigger für seine Sucht war/ist. Ich bin ebenfalls Zuhause, da ich durch Corona mittlerweile in 100%-Kurzarbeit bin.


    Nun ja... Er ist nun seit gut einer Woche aus seiner zweiten Entgiftung zurück und bereitet gemeinsam mit einer Suchthilfebetreuung alles für eine 12-wöchige stationäre Therapie vor. Eigentlich alles "prima". Allerdings ist er mir gegenüber so abweisend und kühl geworden. Das habe ich noch nie vorher so erlebt von ihm.


    Egal was ich sage, er geht sofort an die Decke. Er will keine körperliche Nähe. Wir verbringen die meiste Zeit in getrennten Räumen. Auch wenn ich nur einen Kuss will, dreht er mit den Augen. Sobald ich versuche ihm zusagen, wie ich mich fühle ist er genervt. Er streitet vieles ab. Wenn mir vor ihm die Tränen in die Augen schießen, ist er genervt. Er tröstet mich nicht mal mehr. Ich habe das Gefühl, dass ich ihm komplett egal geworden bin.


    Erwarte ich zu viel? Wenn ich ihm zu viel Freiraum lasse, entfernen wir uns dann komplett voneinander? (Das ist für mich die schlimmste Vorstellung, da ich ihn noch immer so sehr liebe...)


    Habt ihr Erfahrungen mit solchen Situationen?


    Liebe Grüße


    Capricorn (24 Jahre)

  • Servus Capricorn,


    nein, du erwartest nicht zu viel, es geht hier um 2 verschiedene Dinge - zum einen eben um dich und dann halt um ihn.

    Du fragst hier, also geht es vorrangig um deine Belange ;)


    Was bedeutet Freiraum?

    Hat er den eingefordert oder wie soll das dann ablaufen?


    Auf der einen Seite ist es natürlich super wenn sich wer um seine Suchtkrankheit kümmer, Entgiftung macht und auch eine Therapie anstrebt.

    Auf der anderen Seite, warum hat er dich nicht schnell in seinen Rückfall eingeweiht?

    Natürlich ist das vlt auch für ihn ein Schock gewesen, wobei das für mich jetzt nicht sooo ungewöhnlich ist - Entgiftung macht halt auch nix weiter, als dem Körper den Suchtstoff zu nehmen.

    Aber nun gehts ja in die richtige Richtung, also zur Entwöhnung und das richtigerweise stationär :top:


    Ob er nun zu sehr mit sich beschäftigt ist, Angst hat oder einfach keine Beziehung möchte, kann man so ja nicht einfach aus der Ferne sagen.

    Klar ist, Sucht, Entgiftung und Rückfall verändert Menschen, verändert Beziehungen ...

    Im Grunde musst du dir die Fragen stellen, ganz für dich allein - willst du diese Beziehung aufrecht erhalten, auch wenn weitere Rückfälle kommen könnten, er sich extrem verändert usw. ??

    Du könntest dir aufschreiben was du willst, was du unter keinen Umständen hinnehmen kannst und wie weit du den Weg mitgehen willst.


    Schon mal an Angehörigenberatung gedacht?

    Fange nie an aufzuhören höre nie auf anzufangen

    Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)

  • Hallo liebe capricorn,

    erst einmal finde ich es toll, dass du deinen Partner unterstützt und dich nach ähnlichen Erfahrungen erkundigst.

    Der Weg aus einer Abhängigkeit bzw. ein Entzug ist ein großer Veränderungsschritt, der nicht leicht für die betroffende Person ist. In diesem Zuge ist es durchaus üblich, dass man seinen Fokus auf sich selbst legt.

    Vielleicht wäre es eine Idee, ihn nach seinen Bedürfnissen im Rahmen der Beziehung zu fragen, gleichzeitig aber auch deine zu äußern.

    Ich würde dir auch gerne den Rat geben, dich nach einer Angehörigenberatung umzusehen, die dir in deiner aktuellen Situation weiterhelfen könnte. Sehr gerne kannst du dich dabei an mich wenden, falls du die passenden Adressen benötigst.

    Ich wünsche dir alles Liebe!

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