Amphetamine Polyamorie

  • Hallo ihr Lieben,

    nach langem Hin und Her, stelle ich fest, dass ich gerne mit jemandem reden möchte, aber vor lauter Scham nicht so wirklich darf/kann. Darum hier. Anonym.


    Vor kurzem habe ich mich Hals über Kopf in einen Mann verliebt, der Amphetaminabhängig ist. Alles fiel mir von Anfang an so leicht mit ihm und ich fühlte mich das Erste mal mit einem Mann wirklich frei so wie ich bin. Er ist so lebendig, locker, hat mich zu 100% so angenommen wie ich bin, meine Ängste passiv weggeblasen, alles so perfekt..

    Und, da ich selbst eine Sichtvergangenheit habe(Alkohol), war mein Verständnis für seine Amphetaminsucht inklusive seiner Erklärungen zur ADHS-Indikation+Arbeit usw. entsprechend hoch.

    Jetzt, wo die Anfangseuphorie der Realität Platz macht, erkenne ich seine Abhängigkeit und Folgen, die sein Körper sowie Seele bereits tragen. Schlaflosigkeit, Hunger, Zucken, Verfolgungswahn (wobei auch viel Wahrheit in seinen Ängsten und Geschichten steckt). Er hat wohl auch schon einige Male eine Entgiftung gemacht oder sich mit anderen Substanzen zur Amphetaminreduktion verholfen. Aber so richtig los kommt er nicht und ich glaube, das will er auch garnicht so wirklich. Zumindest rechtfertigt er viel mit seiner ADHS-Diagnose, Arbeit und Existenz. Und das obwohl er zwei Kinder hat, die er wirklich liebt.

    Nun zu mir..

    Ich habe selbst Kinder, bin verheiratet (wir leben polyamor- nicht "offen", führe auch sonst keine weiteren sexuellen Beziehungen oder sowas), studiere Psychologie, kenne mich ein bisschen aus mit Süchten und Süchtigen und sollte mich entsprechend schützen. Und darum halte ich ihn nun auf Abstand und hab es vorläufig beendet. Habe gesagt, dass wir nochmal bei 0 anfangen könnten, wenn er davon losgekommen ist. War das überhaupt Okay, was ich da gesagt habe? Und.. es tut so unheimlich weh. Ich vermisse ihn.

    Nun zu meinen Fragen..; kennt jemand jemanden, der da schonmal von weggekommen ist? Kennt jemand diese Wut und Enttäuschung, die ich auf dieses Zeug und die Psychiater habe, die sowas verschreiben? Und diesen Liebeskummer, der garnicht sein müsste...? Wie soll ich mich nur verhalten, ich muss doch für meine Kinder funktionieren, meinen Alltag verlässlich bestreiten, mich konzentrieren usw..Jetzt kommen neben der Amphetaminsache sicher einige Fragen/Kritiken zur Polyamorie auf- ich beantworte sie gern.

    Und für alle, die das für sich bereits verpacken konnten; hat jemand eine Empfehlung für mich, wie ich mich fortan verhalte?


    Ich danke euch sehr und entschuldige mich vorab für das Gefühlschaos !


    Mabi

  • Hallo Mabi,


    finde es schön, wie offen du von deinem Leben berichtest!

    Und das ist eine schwierige Situation und eine schwere Entscheidung, die du getroffen hast ihn nicht mehr zu sehen.

    Wenn du spürst, dass du dich (deine Kinder), deine Stabilität was deine Suchtgeschichte angeht gefährdest, wenn du näher an ihm dran bist, denke ich, dass es richtig ist den Abstand zu halten. Das kannst du in jedem Fall sagen und ist dann eine weise und tapfere Entscheidung!

    Vielleicht kannst du dir überlegen, ob es etwas dazuwischen gibt? also welche Bedingungen für dich wichtig wären, um ihn (totz Abhängigkeit) näher an dich ranzulassen. Das könnte sehr kritisch werden und du musst dich fragen, ob du dieses Risiko wirklich eingehen willst. Aber ich kann mir vorstellen, dass du aufgrund deiner Beziehungsform geübt darin bist die Grautöne zwischen dem Schwarz und Weiß zu sehen. (Aber vielleicht liege ich da auch eh ganz falsch?)

    Ich bin sicher, dass er davon wegkommen könnte, wenn er das will. Aber es liest sich so als wüsste er nicht wozu er alternative Wege suchen sollte. Denn es scheint ja soweit gut für ihn zu klappen Job und co auf die Reihe zu bekommen. Vielleicht weiß er auch nicht wie eine andere Lösung aussehen könnte. Wenn eine medizinische Diagnose die Grundlage ist, wäre es natürlich gut eine*n Mediziner*in zu finden die eine alternative Vorgehensweise für die ADHS-Problematik vorschlägt. Also jemand der das Gesamtbild sieht und nicht nur an der ADHS-Stelle doktort oder die Sucht alleine bearbeiten will.

    Vielleicht würde ihm auch ein Reduktions-/Kontrollprogramm wie KISS (Kompetenz im selbstbestimmten Substanzkonsum) etwas bringen. Aber er wird ja theoretisch eh schon "kontrolliert" konsumieren wenn er es verschrieben bekommt.

    Hat er denn einen guten Psychiater oder ist das eher jemand zu dem er geht um die Medikamente zu bekommen?

    Vielleicht hast du auch Lust mal zu einer Angehörigenberatung einer Drogenberatungsstelle zu gehen, die sollten sich dann aber mit dem ADHS-Thema auch auskennen. Einige kennen sich aber eh gut aus, da AD(H)S-Menschen eine viel höhere Wahrscheinlichkeit für Suchterkrankungen haben..

    Alles Gute erstmal, starke Nerven den doofen Liebeskummer und die Wut!

    Viele Grüße von Julia von ConAction

  • Hallo liebe Julia,

    ich danke Dir ganz ganz herzlich für deine Toleranz, Zeit und Hilfe. Ich werde nochmal mit ihm sprechen, sofern er das noch möchte und mich vorsichtig, aber weniger radikal in eine mögliche Perspektive reindenken. Und ja, schwarz-weiß-Denken ist nicht meine Strategie. Graustufen und gesunde Distanz müsste ich vielleicht schaffen. Meistens. Mal sehen. Und vielleicht gibt es ja auch Hoffnung auf seinen Willen eines Tages.

    Jedenfalls...Tolle empathische Antwort, ich Danke Dir sehr!!


    MaBi

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