Spiel-und Chatsucht

  • Vor drei Monaten ist mein Lebenspartner überraschend verstorben. Wir waren 21 Jahre zusammen lebten aber in zwei Wohnungen, nur durch wenige Schritte getrennt. Ich fühlte mich in dieser Beziehung geliebt und geborgen. Wir standen uns nahe und haben, so glaubte ich, über alles miteinander gesprochen. Ehrlichkeit war uns beiden heilig. Wir haben uns vor vielen Jahren versprochen, uns nie zu belügen. Er sagte mir immer, ich sei das Wichtigste in seinem Leben, er würde mich über alles lieben und auch mit Komplimenten geizte er nicht. Seltenen Konflikten wichen wir nicht aus und haben die Dinge die anstanden, an- und ausgesprochen.

    Ich hielt ihn für einen charakterstarken, ehrlichen Mann. Er war mein Held. Ich spürte, dass es ihm in den letzten Monaten nicht mehr gut ging. Da er sich aber stark mit Corona auseinander gesetzt hat und sich oft darüber geärgert hat und auch ständig darüber sprach, dachte ich, es sei deswegen.

    Nun habe ich beim Aufräumen seiner Wohnung Liebesbriefe einer anderen Frau gefunden. Völlig irritiert habe ich sein Handy durchforstet und entdeckt, dass er süchtig nach Online-Spielen war und dort vor 4 Jahren eine Frau kennengelernt hat. Die zwei haben fast täglich zusammen gespielt und gechattet. Sie haben sich nie getroffen und scheinbar auch keine Fotos ausgetauscht. Aber es wurde über alles gesprochen, oft auch über mich. Die Frau kennt mein ganzes Leben, hat sogar Bilder von meinem Schmuck erhalten. Die zwei sprachen sich mit "Seelenverwandter" an und beendeten ihre Gespräche immer mit "I love you". Sie sprechen von einer Beziehung und alles wirkt innig. In den Gesprächen geht es oft um Alltägliches, aber zum Teil wurde über ihren Ehemann oder über mich gelästert. Das war so gar nicht die Art von meinem Partner. Auch gab er sich dort als kleiner Playboy aus, was er im richtigen Leben auch nicht war. Ob Erotik mit im Spiel war, weiss ich nicht...Jetzt im Nachhinein weiss ich, dass er mich sehr oft angelogen hat, um die ganze Sache vor mir zu verheimlichen. Diesen Sommer hat er mir einmal gesagt, er hätte Angst ich würde ihn verlassen. Ich habe das damals nicht verstanden, es war völlig unbegründet. Ich konnte ihn beruhigen. Von dieser Frau habe ich auch erfahren, er hätte Angst gehabt, ich würde ihm nicht mehr vertrauen. Ich habe ihn einfach nur geliebt und ihm blind vertraut. Natürlich sind mir immer wieder Dinge aufgefallen, die komisch waren.(z.B. Geschenke von ihr) Ich habe ihn jedesmal darauf angesprochen und er hatte immer eine schlüssige Erklärung. (Jedesmal eine faustdicke Lüge!)

    Mit der Frau habe ich Kontakt aufgenommen. Sie beteuert mir, er hätte mich über alles geliebt. Ich glaube ihr kein Wort!

    Ich bin einfach nur schockiert, verletzt und enttäuscht. Zu meiner Trauer kommt jetzt auch noch eine Art Liebeskummer und Eifersucht. Mein Vertrauen habe ich verloren und ich kann all das Schöne und Liebe, was er mir gesagt hat, nicht mehr glauben. Es sind da einfach zu viele Lügen. Ich kann nicht mehr unterscheiden und weiss nicht, ob er mir einfach etwas vorgespielt hat.

    Auch frage ich mich, was ich falsch gemacht habe. Ich mache mir Vorwürfe, weil ich es nicht gemerkt habe.

    Vielleicht hat ja jemand etwas Ähnliches erlebt und kann mir helfen...

  • Also für mich hört sich das eher wie eine Art "Kumpel" an, nicht als heimliche Freundin ...


    Natürlich verstehe ich deine Enttäuschung, aber hättest du es toleriert, wenn er ehrlich dazu gestanden hätte?


    Für mich wäre es schwer vorstellbar, mit dieser Frau Kontakt aufzunehmen, ich verstehe auch den Sinn nicht ganz.

    An deren Stelle hätte ich aber auch nicht geantwortet ;)


    Ich hoffe du kannst dich schnell der wirklichen Trauer stellen und die "Sache" abhaken ...

  • Danke Franz für Deine Antwort.


    Ja, es bleiben viele Fragen. Ob sie nur ein "Kumpel" war, das würde ich auch gerne wissen.

    Ob ich es toleriert hätte? Nein, das hätte ich nicht. Das wusste mein Partner auch ganz genau, deshalb auch seine Ängste.

    Kennst Du Frauen, die das tolerieren würden? Auch wenn keine Erotik im Spiel war, dann war es immer noch ein emotionaler Betrug, zudem hätte ich die Zeit, die er mit spielen und ihr verbracht hat, auch gerne mit ihm geteilt.

    Vielleicht liest ja jemand mit, der sich mit Spiel-und /oder Chatsucht auskennt?

    Ich finde die Geschichte tragisch und er tut mir auch leid. Aber seine "Hinterlassenschaft" ist für mich auch nicht ganz einfach...

  • Hallo Arlanda, ich kenne zwar keinen solchen Fall, kann aber verstehen, dass es Dir damit nicht gut geht, da es keine Chance mehr gibt, mit ihm darüber zu sprechen. Vielleicht ging es nur um eine Art Freundschaft, aber klären lässt sich das nicht mehr wirklich. Ich kann mir vorstellen, dass das die Trauer erschwert, weil es die Beziehung und auch den Menschen im Nachhinein auf gewisse Weise in einem anderen Licht erscheinen lässt. Warum gehst Du denn von einer Sucht bei ihm aus und warum tut er Dir leid?


    Wichtiger finde ich aber die Frage, wie Du für Dich damit zurechtkommen kannst. Kannst Du Dir Rat und Unterstützung holen, vielleicht bei einem Psychologen oder Trauerbegleiter/in, einer Selbsthilfegruppe?


    LG RF

  • Hallo RunningFree


    Danke für Deine Antwort.


    Ja, das wirklich so. Ich würde alles dafür geben, wenn ich nur noch einmal mit ihm darüber sprechen könnte und er mir seine Sicht erklären könnte. Er war ein feinfühliger, intelligenter Mann mit hohen moralischen Ansprüchen an sich und seine Mitmenschen. Auch deshalb fällt es mir so schwer.

    Ich habe mich auch in dieser "Spielhölle" angemeldet und konnte so sehen, wie oft er gespielt hat. Es waren zwischen 4 - 9 Stunden pro Tag. Das ist in meinen Augen Sucht, oder? Er hat seine Wohnung total vernachlässigt und in letzter Zeit leider auch sich selber. Ich glaube nicht, dass ihm das Ganze gut getan hat und auch die ewige Lügerei muss ihn doch belastet haben, ausser er hat seinen moralischen Kompass komplett verloren. Er wirkte wie gesagt belastet, frustriert und ich vermute, dass er seine letzte Kraft aufgewendet hat, um alles vor mir zu verbergen. Mir gegenüber war er wie immer. Deshalb tut er mir irgendwie auch leid.(Die Wut-Phase habe ich bereits hinter mir..)

    Ja, seit einigen Wochen gehe ich zu einem Psychologen, bin mir aber noch nicht so sicher, ob das etwas bringt.


    Liebe Grüsse


    Arlanda

  • seine "Hinterlassenschaft" ist für mich auch nicht ganz einfach...

    Absolut verständlich, gerade aber auch wegen den von RF genannten Aspekt - Aussprache ausgeschlossen!


    Kennst Du Frauen, die das tolerieren würden?

    Das würde ich zu 100 Prozent bejahen , meine Frau z.b. ...

    Natürlich mit dem Unterschied, ich lüge nicht, wenn es der Fall wäre.

    Um ehrlich zu sein, ich würde mir das auch nicht vorschreiben lassen, aber gestehe Gleiches natürlich genauso zu.

    Bei unseren Programm "Lass das Gras" habe ich zum Beispiel oft mit Frauen zu tun, im dazugehörigen Chat und über Wochen in der Beratung (mit dauerhaften Schriftverkehr).

    Natürlich geht es nicht um Vergnügen, Spiel und Spaß, aber wenn meine Frau deswegen eifersüchtig wäre, würde das ja unweigerlich zu Konflikten führen.

    Ob ich es toleriert hätte? Nein

    Deswegen habe ich geschrieben, dass ich es nicht so schlimm finden würde. Wie angemerkt, hätte es halt offen ablaufen sollen. Doch die Möglichkeit hätte er, nach dem aufgeführten Zitat, ja eher nicht gehabt.


    Aber das Thema wird deiner Trauer nicht gerecht, um die sollte es ja nun vorrangig gehen.

    Deswegen finde ich den Vorschlag einer Trauerbegleitung oder Selbsthilfegruppe wirklich gut.


    Vielleicht liest ja jemand mit, der sich mit Spiel-und /oder Chatsucht auskennt?

    Wenn auch RF schon etwas darüber geschrieben hat, zumindest nach den bisherigen Angaben kann ich hier keine Sucht erkennen.


    So oder so, ich wünsche dir, du findest einen abnehmbaren Weg, mit den schlimmen Schicksalsschlag gut fertig zu werden!


    Unsere Beiträge habe sich überschnitten, deine aktuellen Angaben können natürlich sehr wohl für eine Suchterkrankung sprechen!


    Und ich finde es wirklich toll, dass du die Aufarbeitung zusammen mit einem Therapeuten angehen wirst :thumbup:

  • Weisst Du, er hatte beruflich auch viel mit Frauen zu tun. Ich war nicht eifersüchtig und habe im vertraut.

    Aber heimlich mit einer anderen Frau zu chatten und zu flirten, zudem über eine so lange Zeit, finde ich dann schon eine andere Geschichte.

    Wo fängt dann eine Spielsucht an?

  • Zum Beispiel:

    • vernachlässigt ohne ersichtlichen Grund sein Umfeld und hat sehr oft keine Zeit
    • leiht sich häufig Geld innerhalb der Familie oder dem Freundeskreis
    • leidet unter Stimmungsschwankungen und ist unzuverlässig
    • belügt sein Umfeld, um so sein Spielverhalten geheim halten zu können
    • macht den Eindruck, als würde er etwas verheimlichen
  • Sein Umfeld hat er vernachlässigt, hat aber immer Corona vorschgeschoben.

    Sich selbst und auch seine Wohnung hat er auch vernachlässigt.

    Geld war kein Problem.

    Stimmungsschwankungen hatte er nicht, wirkte aber frustriert. Auch da musste Corona dafür herhalten.

    Sein Umfeld hat er massiv belogen.

    Aber was ist mit der schieren Anzahl seiner Spiel-Stunden?

    Zudem glaube ich, auch die Gespräche mit der Frau hatten Suchtanteile. (Aber vielleicht ist das auch nur mein Wunschdenken)

  • Ach ja, was ich auch noch vergessen habe: Wenige Wochen vor seinem Tod hat er sich eine Kreditkarte zugelegt, was er bisher immer dezidiert abgelehnt hat. Danach muss er massenhaft bei den "billigen Krämern" in China bestellt haben. Einige Pakete sind noch nach seinem Tod angekommen, der Papierkorb war randvoll mit Verpackungsmaterial und unter seinem Bett habe ich zahlreiche nicht ausgepackte Pakete gefunden. Er war früher sehr qualitätsbewusst und hat sich bei Neuanschaffungen gut informiert und sich dann immer für das "Beste" entschieden. Für Leute, die Ramsch kauften, hatte er kein Verständnis.

    Auch hier fürchte ich, wenn er es nicht schon war, dann wäre es bis zur Kaufsucht auch mehr weit gewesen.

    Liege ich wirklich so falsch mit meinen Vermutungen???

  • Nein, deine Vermutungen haben schon seine Berechtigung.

    Dennoch sehr ich jetzt nicht den Sinn der absoluten Aufarbeitung.

    Letzteres hauptsächlich deswegen, weil zu so einer Handlung immer der Betroffene dazugehört! Ohne Gespräche mit dem mutmaßlichen Süchtigen, kann man keine Diagnose stellen.

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